Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Heidi Benneckenstein - Ein Deutsches Mädchen

 

Ein authentischer, erschreckender Blick hinter die Kulissen

 

„Ich lernte Wohlleben nicht wirklich kennen, dafür fand ich ihn zu merkwürdig…..Er war extrem sonderbar. Als hätte er nicht alle Tassen im Schrank“.

 

Was, vielleicht, in eine generelle Bobachtung der Heidi Bennecker, Mitglied im innersten Kreis politisch überaus rechts bewegter Menschen, münden könnte:

 

Charaktere, die „nach außen ein Harter Hund, innerlich weinerlich und voller Selbstmitleid“ sind.

„Je martialischer das Auftreten nach außen, desto komplexbeladener nach innen“.

 

Dann aber sentimental zu werden, das geht nicht als „harter Hund“ und so werden solche Emotionen mit Aggression ausgedrückt.

 

Nicht umsonst also taucht hier und da das Lied der Ärzte „Schrei nach Liebe“ im Buch als Mit-Erklärungsmuster auf.

 

Ein Buch, in dem Heidi Benneckenstein alle ihre Beobachtungen in der „rechten Szene „ durchaus schon als „Familienbuch“ beginnt, denn gerade ihr Vater hat zu Hause bereits eine Art von Lohn-Strafe System, einen Drill, eine klare, nationalsozialistische Haltung vermittelt und durchgesetzt, dass die weiteren „Anekdoten“ im Buch nur als erweiterte Entfaltung dieser Haltung erkannt werden können.

 

Und da hat Benneckenstein einiges zu berichten. Von „Treffen, Wehrlagern, Jugendfahrten, Drill, Erziehung, Kleidungsvorschriften, politischen Unterricht, Konzerten mit rechtsorientierten Bands (aus deren Reihen heraus die erste Liebesbeziehung für die junge Heidi sich entwickelte“.

 

Durchaus eine Vielzahl rechtsprominenter Nahmen tauchen dabei immer wieder auf, vor allem aber schildert Benneckenstein detailliert und nachvollziehbar, wie groß und eng vernetzt diese Szene in Deutschland aktiv ist, von „Stammtischen“ bis zu ganzen Dörfern „arisch übernommen“ werden, von Unnachgiebigkeiten und einem spürbaren, klaren Hass und unüberwindbarer Distanz zu jenem „Deutschland NICHT in den Grenzen von 1937).

 

Dass Benneckenstein in der Erzählung eher assoziativ vorgeht, munter in der Zeitlinie springt, eben noch von sich als 15jähjriger samt Trennung vom Vater erzählt und auf den nächsten Seiten dann ihre ersten Erfahrungen als sechs-bis siebenjährige in den „Fahrtenlagern“ schildern, um dann neben Udo Pastörs entspannt auf einer Kundgebung zu sitzen, das stört den Lesefluss zunächst ein wenig, rundet sich aber langsam, je mehr man in der Lektüre fortschreitet.

 

Wobei die vielen Anekdoten und die gut getroffene Wiedergabe der Atmosphäre „in der Szene“ dem Leser, neben einzelnen „Aha-Momenten“ eines vor allem verdeutlichen: Eine Diskussionsgrundlage, Ansatzpunkte zu konstruktiven Gesprächen mit Zugehörigen zu dieser Szene erscheinen im Rahmen der Lektüre dieses Buches als sinnlos. Denn „die andere Seite“, das „rechte Netzwerk“, hat an solchen konstruktiven Schritten mit dem „System“ kein Interesse. Kampf und Revolution, Veränderung des aktuellen Status quo hin zu einem tradierten „Nationalmodell“ mit „nationalsozialistischem Familienmodell“ aus „starkem Mann, einer untertänigen Frau und möglichst vielen gehorsamen Kindern“.

 

Wie schwer das ist, da andere Gedanken zuzulassen und die eigene Haltung überhaupt zu reflektieren, dass zeigt Benneckenstein eindrucksvoll am Weg ihres eigenen Ausstiegs aus dieser „Parallelwelt“.

 

Sprachlich überaus schlicht gehalten und in Teilen sehr assoziativ zwischen Themen springend, bietet dieses Werk dennoch einen originären und intensiven Einblick in die „rechte Szene“ Deutschlands.

 

 

M.Lehmann-Pape 2018