Kiepenheuer & Witsch 2018
Kiepenheuer & Witsch 2018

Heinrich Böll – Der Panzer zielte auf Kafka

 

Persönliche Zeitzeichen

 

„Als einen Vorboten des Wandels kann man die Kafka-Konferenz vom Mai 1963 betrachten…..um erstmals in der sozialistischen Tschechoslowakei im Rahmen einer offiziellen Tagung über den Prager Schriftsteller zu diskutieren“.

 

„Die Konferenz markierte die Rückkehr Kafkas in seine Heimat und läutete zugleich das Ende des sozialistischen Realismus als vorgeschriebene Literaturnorm ein“.

 

Eine Entwicklung, die in folgenden Jahren zum „Prager Frühling“ führen sollte. Tage 1968, in denen Böll vor Ort in Prag war, die Entfaltung gelinde freiheitlichen Denkens im Vorfeld reflektiert hatte und nun die harte Niederschlagung des kaum begonnenen „Experimentes“ durch russische Truppen hautnah miterlebte.

 

Ein Geschehen, dass Böll nicht mehr losließ, dem er versuchte, mit seinen Mitteln zu begegnen. Mittel, von denen dieser sorgsam zusammengestellte Band mit vielen handschriftlichen Verweisen in der Breite Raum gibt. Und ein „vor Ort sein“, dass im Übrigen auch der Herausgeber des Werkes, Heinrich Bölls Sohn Rene, damals teilte und somit unmittelbar die Unterlagen ordnen, die Fotografien auswählen und alles zu einem breiten Bild zusammenstellen konnte.

 

Wobei zunächst ein Essay von Martin Schulze Wessel den Leser gezielt und prägnant in die Entwicklungen jener Zeit einführt, die Veränderungen der sozialistischen Haltung kennzeichnet und die Hoffnungsfigur des Prager Frühlings, Dubcek, in seiner Rolle schärft und dem Leser klar vor Augen stellt. Mitsamt der, ebenfalls hoffnungsvollen, Blicke und Würdigung durch viele Schriftsteller und politisch interessierte Künstler, was diesen Prozess eines reformierten Sozialismus anging. Der, sinnbildlich, auch was die Konferenz zu Kafka anging und die Hoffnung auf „Demokratisierung“, sein vorläufiges Ende auch vor Kafkas Geburtshaus fand, vor dem ein Panzer stoisch aufgefahren war.

 

Ein Geschehen, dass hervorragend durch die Fotografien aus jener Zeit eingefangen wird, die im Buch reichlich versammelt sind. Der Panzer, auf dessen hintere Aufbauten ein hastig gezeichnetes Hakenkreuz gemalt wurde, versinnbildlicht diesen Offenbarungseid des „realen Sozialismus“ jener Zeit, der den Menschen Freiheit nicht zutraute und mit allen Mitteln die eigene Macht alleine zu sichern gedachte.

 

Ein Geschehen, auch davon gibt das Buch Zeugnis, das die gesamte Ohnmacht derer, wieder einmal, in jenem Augenblick offenbart, die sich der Kraft des Geistes und des Wortes verschrieben haben und damit, immer wieder, in der direkten Konfrontation mit der Gewalt der Waffen, kaum etwas ausrichten können.

 

Aber, auch in diese Richtung kann man diese atmosphärisch dichte Zeitreise betrachten, auf lange Sicht gewinnt die Freiheit. Eine Hoffnung auch für gegenwärtige Situationen und Versuche, Gewalt und Bedrängung wieder einmal an nicht wenigen Orten der Welt zu den Mitteln der Macht zu nutzen?

 

Böll zumindest, das liest sich klar aus den Essays, dem Interview und den vielen persönlichen Notizen heraus, war und blieb ein Mann auch der Tat. Beistand bietend, beharrlich das Thema verfolgend, nicht locker lassen, die Idee einer demokratischen Freiheit unter sozialistischen Vorzeichen als möglichen Weg postulierend, durchaus auch mit harscher Kritik „am Westen“, deren Presse u.a. Böll mitnichten als „frei“ kennzeichnet.

 

Ein gut zu lesendes, sehr aufklärendes und interessantes Zeitzeugnis mit Implikationen für jede Form der Bedrückung und gezielten Einschränkung des freien Denkens und Handelns.

 

M.Lehmann-Pape 2018