C.H.Beck 2011
C.H.Beck 2011

Heinrich Wefing – Der Fall Demjanjuk

 

Ein umfangreicher Bericht zum letzten großen NS-Prozess

 

2009-2011 fand in München der bis dato letzte, große, öffentlichkeitswirksame Prozess gegen einen NS-Kriegsverbrecher statt. John Demjanjuk, so die Anklage und das Urteil,  war ein „Trawniki“, ein angeheuerter Wachmann, später wohl Teil der SS und, falls die Indizien nicht täuschen, ebenso Wachmann im KZ Majdanek.

 

Vor allem aber war „Der Fall Demjanuk“, wie der Klappentext des Buches bereits mitteilt und wie Wefing es im Buch durchaus nachweist, eine „Auseinandersetzung der deutschen Justiz mit dem eigenen Versagen nach 1945“ und ein fast letzter Versuch, zu Lebzeiten von Opfern des NS-Regimes noch für Gerechtigkeit zu sorgen. Für späte Gerechtigkeit, die zu Zeiten oft und oft versäumt und verschleppt wurde.

 

Wie schwierig dieses Unterfangen 64 Jahre nach Kriegsende war, davon zeugt dieses Buch, unter anderem. Allein die Betrachtung vieler Indizien, hier vor allem des Dienstausweises von Demjanjuk zeigt auf, wie sperrig die Beweislage im Blick auf die Verbrechend es 2. Weltkrieges ist, wie sehr Aussage gegen Aussage steht.

 

Der Prozess selber aber ist nur ein Teil des Buches. Exemplarisch vollzieht Wefing an dem ukrainisch stämmigen John Demjanjuk ein Stück Zeitgeschichte und auch Schicksal nach, dass sich in Teilen liest wie ein Abenteuerroman und aus den Zweifeln des Autors am Sinn des Prozesses wenig Hehl macht. In der Darstellung Wefings ist Demjanjuk durchaus ebenfalls eine Art Opfer. Der unfassbaren Umstände der Kriegsjahre.

Aus Not und Hunger lässt sich der ehemalige sowjetische Soldat von der SS anwerben, denn die „Trawniki“ bekamen zu essen, bekamen Sold, waren geschützt.

 

Den Weg zu dieser Entscheidung vollzieht Wefing minutiös nach, indem er das gesamte Leben Demjanjuks vor den Augen der Leser ausbreitet. Auch das Leben nach Ende des Krieges. Nach Amerika verschlug es Demjanjuk nach Kriegsende, wo er lange Jahre (1952-1983) ein unscheinbares Leben als Arbeiter bei Ford lebte, bevor Israel 1983 seine Auslieferung forderte, die 1986 vollzogen wurde. Der Prozess wird ihm gemacht, das Todesurteil wird ausgesprochen, doch alles bricht in sich zusammen, als (wiederum die Indizienlage) die Basis des Schuldspruchs, die vermeintliche Identität Demjanjuks  als „Iwan Grozny“, Wachmann in Treblinka, nicht mehr zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. 1993 wird er freigelassen, bevor er 2009 in Deutschland unter Anklage gestellt wird. Auch dieser Prozess steht nach den Worten Wefings letztlich auf schwankenden Füßen und ist durchzogen von vielfachen Motiven, die einen Schuldspruch fast heraufbeschwören wollen, Motive, die er in der minutiösen Darstellung des Prozesses versucht, herauszuarbeiten.

 

Für Wefing ist letztlich die Verurteilung Demjanjuks zu Recht geschehen, in der Summe der Beweise und als „Mahnmal gegenüber Kriegsverbrechern aller Art“.

 

Dennoch verbleibt nach der Lektüre vor allem der Zweifel an vielen Wendungen des Prozesses. So eindrucksvoll führt Wefing all die Gegenargumente an, dass am Ende nur mehr eine persönliche Meinung auch beim Leser im Raume stehen kann über Schuld oder Unschuld, Täter- oder Opferdasein dieses einfachen Mannes aus der Ukraine.

 

Wesentlicher und wichtiger aber als Essenz des Buches ist, dass es Wefing gelingt, was auch der Prozess mit bewirken sollte. Dass nicht vergessen wird. Der Lebensweg Demjanujuks steht hier exemplarisch für viele „Mittäter“. Ebenso, wie die schwierige Haltung der deutschen Justiz nach 1945 beständiges Thema im Buch ist und deutlich benannt wird, wie viele der „Großen“ man (gerne) laufen ließ. Eine Reportage, die trotz mancher Längen und vielfacher moralischer Appelle des Lesens wert ist.

 

M.Lehmann-Pape 2011