Knaus 2010
Knaus 2010

Helene Visconti – Fremd

 

Fremd in der Welt

 

Helene Visconti schreibt ihre Lebensgeschichte und diese ist sehr wohl, nicht nur im äußern Ablauf, sondern auch in den inneren Entwicklungen, außergewöhnlich genug, ein Buch zu rechtfertigen.

 

Der beschriebene Lebensweg führte in extreme Welten. In Algerien geboren, ein Land, in das ihr Vater als Kind aus Spanien kam und in dem sich der Vater bestens akklimatisiert hatte. Ein Leben nicht in Armut, aber doch in der traditionell geprägten algerischen Gesellschaft. Gerade für Mädchen und Frauen bedeuteten diese Traditionen (in Teilen Algeriens bis heute noch) deutliche Einschränkungen der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten. Einschränkungen, die Helene Visconti von Kindheit an aus ihrer Natur heraus nicht bereit war, hinzunehmen. Schon zu jener Zeit also, in der kleinen Küstenstadt in Algerien, fühlte Helene Viscontis ich fremd. Nicht am rechten Platz, innerlich nicht heimisch trotz der unbeschwerten Umstände ihrer Kindheit.

 

Vielleicht findet sich hier auch eine gewisse Fremdheit der Zeit gegenüber, in die hinein sie geboren wurde. 1932 begann die Welt bereits, sich anders zu ordnen, Krieg folgte und die entsprechende, unübersichtliche Nachkriegszeit, in der vieles sich neu ordnete. Eine Chance der Neuordnung auch für die junge Algerierin. Ihren Geburtsnamen Elena hatte sie schon bald in Helene verändert, ihr gesamtes Wesen entsprach vor allem in dem wohl angeborenen Freiheitswillen nicht dem Ort, der Zeit und den gängigen Verhältnissen ihrer Lebensumstände. Im Rahmen der algerischen Unabhängigkeitsbewegung musste die Familie das Land verlassen, Helene ging nach Paris. Aber auch dort, eindrücklich im Buch geschildert, fand sie keine innere Heimat. Im Gegenteil, auch hier passte sie nicht in die Konvention, eckte an, war nicht bereit, sich dem leicht dahinfließenden Pariser Boheme Leben anzuschließen und scheitert letztendlich an einer Aufenthaltsgenehmigung. Spanien leidet unter der Diktatur, auch hier ist keine Heimat mit innerer Freiheit in Sicht. Als weitere Station folgte Italien, eine Karriere als Mannequin begann, die Helen Visconti bis in die höchsten italienischen Kreise führte. Sie heiratete einen Bruder der Luchino Visconti und ist seitdem Teil einer der ältesten und einflussreichsten italienischen Adelsfamilien.

 

Schritt für Schritt eroberte sie sich so eine neue Heimat, die nach langem Anlauf dann endlich nicht nur äußere Heimstatt, sondern tatsächlich innere Heimat wurde. Als Spanierin in Algerien geboren, algerisch geprägt und aufgewachsen, Französin gewesen und Italienerin geworden, äußere Stationen als Bilder innerer Suche und ein Erleben von Fremdheit in sich über lange Zeit, die Helen Visvonti bis zur Gegenwart in ihrer Person prägt.

 

In durchaus lesbarem, eher nüchternem Stil, geschrieben breitet Visconit diesen inneren Weg durch und in der Fremde aus, wobei es ihr gelingt, nicht allein um äußeren des Lebensweges (der schon spannend genug ist) stecken zu bleiben, sondern immer wieder das generelle und alle Menschen betreffende Thema der Fremdheit im eigenen Leben offen zu legen. Eine Fremdheit, die immer wieder neue Motivation für ihre Suche nach dem passenden Ort und dem passenden Leben bleibt.

Lust auf Zukunft haben, dieser Begriff in der Mitte des Buches ist es, der unterschwellig der ganzen Lebensgeschichte den roten Faden gibt.

Viscontis Lust auf Zukunft richtete sich in all diesen suchenden Jahren auf das Meer, den endlosen Horizont, auf ein schlichtes, wirklich menschliches Leben ohne diese engherzige Sicht auf die anderen, die Fremden, die sie auf all ihren Stationen erlebt hat. Dass man „Frau und Ochs“ nur aus dem eigenen Land zu holen hat, wie es in Italien heißt, diese Enge ist ihr ein Greul und ihr Buch legt Zeugnis darüber ab, wie es mit Kraft und dem Glauben an das eigene Leben gelingen kann, gegen alle Widerstände sich nicht zu verlieren in dieser Welt voller Fremde.

 

M.Lehmann-Pape 2010