Hoffmann und Campe 2010
Hoffmann und Campe 2010

 

Helmut Schmidt – Einmischungen

 

Scharfsinnige Überlegungen in großer Themenbreite

 

Neben seinen vielen Publikationen in Buchform und (immer wieder wunderbaren) Interviews im Fernsehen oder in schriftlicher Form ist Helmut Schmidt auch ein Publizist von Artikeln. Knapper und thematisch je eingeengter als in seinen Büchern, besitzt diese Form seiner Äußerungen unbestrittene Vorteile.

 

Die Konzentration auf ein je ein Thema, die überschaubare Länge der Artikel und das Herausarbeiten von je ebenfalls überschaubaren Grundthesen.

Seit 1983 verfasst Helmut Schmidt Artikel für die Zeit, genau 273 waren es bis Drucklegung des Buches geworden, 60 dieser Publikationen wurden für das Buch ausgewählt (und gut ausgewählt).

In der thematischen Ordnung finden sich Gedanken Schmidts zur Innenpolitik, Europapolitik, Sicherheitspolitik, Weltpolitik, zur internationalen Finanzpolitik (eines der Kernthemen des Politikers und Publizisten Helmut Schmidt) und, ganz besonders zu erwähnen, da hier Helmut Schmidt von ganz anderer Seite her noch zu erfassen und kennen zu lernen ist, ein eigener Themenbereich über Geburtstagsgrüße und Nachrufe.

 

Wie immer bei Helmut Schmidt ist jeder der Artikel prägnant verfasst, luzide geschrieben und mit klaren Aussagen versehen. Dabei trifft der Titel des Buches den Nagel auf den Kopf, es geht Helmut Schmidt in seinen Artikeln und im Blick auf die, bei ihm tatsächlich spürbare, Macht des Wortes nicht um Einsichten, theoretischen Betrachtungen oder darum, nur eine Meinung kund zu tun. Er will bewegen und etwas erreichen, sich einmischen in jene Bereiche, in denen er immer wieder den Finger auf die diversen Wunden der Zeit legt.

 

Der große Vorteil dieses Buches besteht darin, dass in konzentrierter und gesammelter Form im Rahmen der 60 Publikationen ein umfassender Blick auf Helmut Schmidt, sein Denken, seine Themen ermöglicht wird, der in Muße nachgelesen und durch die klare Sprache hervorragend verstanden und eingeordnet werden kann. So ergibt sich eine breite und der Tagespolitik übergeordnete Haltung der Welt und den Themen der Zeit gegenüber.

 

Zudem (und das ist nicht oft Thema der öffentlichen Darstellung in Interviews) ist die persönliche Seite des oft kontrolliert sprechenden und Distanz wahrenden elder statesman in manchen der Beiträgen spürbar, ein besonderer Gewinn.

Wenn er mit Helmut Kohl ins Gespräch geht und die Einsamkeit des Amtes Thema wird, dann ist spürbar, was für beide Gesprächspartner die aktive Zeit als Kanzler an Verantwortung und menschlicher Bedrängung mit sich gebracht hat. Eindrücke, die im Geschehen der öffentlichen Wirksamkeit und der Tagespolitik von beiden kaum zu erhaschen waren. Seine Worte zum Tode Rainer Barzels, mit dem ihn durchaus in späteren Jahren eine große Nähe verbunden hat, charakterisieren auf nur knapp drei Seiten den Werdegang, den politischen Gegner und den Freund. Wie sehr Schmidt Barschel schätzte, ist ersichtlich aus dem großen Kompliment, dass Helmut Schmidt ihn einen homo politicus nennt. Eine Kategorisierung, die Schmidt als eine der wenigen für sich selber ebenfalls gelten lässt.

 

Neben diesen persönlichen Worten und Eindrücken wendet sich der Großteil des Buches natürlich den großen Themen zu. Nicht den Moden oder je drängenden Themen der Tagesaktualität unterworfen, finden sich generelle Bewertungen und Handlungseinsichten. Der Artikel über das „Vorbild des soliden Kaufmanns“ setzt dabei kurz und präzise mehr an Orientierung in den Raum als die ellenlangen Wertediskussionen der letzten Jahre. Schmidts Blick auf die Notwendigkeit europäischen Handelns  weist weit über die Misstöne der aktuellen europäischen Diskussion hinaus.

 

Im Gesamten ein empfehlenswerter Einblick in das breite Denken des Altkanzlers, der immer noch Wesentliches zur Kooperation und Ausrichtung weltweiten Handelns zu sagen hat. Zudem mit Einblicken zu prominenten Weggefährten versehen, bietet das Buch einen komprimierten Eindruck zu vielfältigen und breit aufgestellten Themen.

 

M.Lehmann-Pape 2011