C.Bertlesmann 2011
C.Bertlesmann 2011

  Henry Kissinger - China

 

Portrait und Zukunftsbetrachtungen eines Landes

 

Es lässt immer aufhorchen in der Gegenwart, wenn große und gewichtige Namen der jüngeren Vergangenheit sich noch einmal zu aktuellen Themen der Welt zu Wort melden.

 

Kissingers China Buch ist nicht der erste Blick eines gestandenen, ehemaligen Staatsmannes auf die Entwicklung eines der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Länder dieser Welt, auch Helmut Schmidt und andere haben sich an anderen Orten bereits zu einer Einschätzung geäußert. Als Fußnote nebenbei mag hier interessanterweise noch die enge Freundschaft zwischen Kissinger und Schmidt mitschwingen, die auch im (altersgemäß seltener werdenden) Abgleich der Meinungen zu Weltfragen beider Männer stehen.

 

Was das Buch Kissingers im besonderen allerdings auszeichnet ist die Nähe des Autors zu China. Über Jahrzehnte hinweg, in der aktiven Politik, aber auch im nachhinein als Persönlichkeit von Weltrang, hat Kissinger das Land häufig bereist und Kontakt zu allen der führenden Männer Chinas im engen Gespräch gestalten können. Aufgrund der langen Periode seiner Nähe zu China und Chinas Machthabern, aber auch zu den Verhältnissen im Land, gibt das Buch beredt und fundiert Auskunft über den Wandel vor allem, den das Denken und die Haltung Chinas im Lauf der letzten 40 Jahre genommen hat.

 

Die Öffnung zu wirtschaftlichem Denken und zu wirtschaftlichen Kontakten, die politische Einflussnahme allein schon durch das finanzmarkorientierte Handeln (China ist der größte Gläubiger der USA und stützt bis heute durch immense Dollarkäufe die amerikanische Wirtschaft). Daneben steht  aber auch die Beschreibung der faszinierenden Bruchlinie zwischen jahrtausendealter Tradition, kommunistischer Prägung und modernere Gesellschaft im Handeln und Denken eindrucksvoll auf den Seiten des Buches vor Augen. Von einer Lebensart, die an das tiefste Mittelalter erinnert (im ländlichen China), über die feste Zügelführung der politischen Lenker (die an kommunistische Systeme erinnert), über Massenindustrien mit schwierigsten Verhältnissen für die Arbeiterschar (die an den frühen und ungehemmten Kapitalismus Europas erinnert) bis hin zur hoch technisierten Welt mitsamt einer wachsenden Schicht wohlhabender Menschen reicht der Bogen, den China in sich spannt. Manchmal fast bis zur Zerreißprobe.

 

Ein Bogen, den Kissinger zu beschreiben versteht und den er immer aus der faktischen Perspektive her betrachtet. Zeit seines Lebens hat Kissinger sich immer am Machbaren, am Realen, an den Fakten orientiert (noch ein Ähnlichkeit mit Helmut Schmidts Bemerkung, wo der Platz für Visionäre wohl wäre). Diese Sichtweise ermöglicht einen intensiven Blick auf die Hintergründe chinesischer Entwicklung, gerät allerdings in mancherlei Hinsicht, gerade auch im Blick auf all die Menschenrechtsverletzungen und Grausamkeiten der politischen Führung dem eigenen Volk gegenüber, äußerst neutral.

 

Im Ablauf des Buches folgt, nach einem charakterisierenden Kapitel auch der inneren Spannung chinesischer Mentalität zwischen „Realpolitik“ und „Kunst des Krieges“, ein chronologischer Blick von etwa der Mitte des 19. Jh. an (Opiumkriege) bis zur Gegenwart. Aufgrund dieser chronologischen Ordnung gelingt es Kissinger, die gesamte Entwicklung Chinas, äußerlich wie innerlich, mitsamt der entscheidenden Wendepunkte und deren Verankerung in den herrschenden Umständen, verständlich vor Augen zu führen. Empörung und moralische Bewertungen finden sich, wenn überhaupt im Buch, nur tief hintergründig. Das „Machbare“ ist die Dimension Kissingers, das Verstehen der Hintergründe, nicht die Wertefrage. Hier verbleibt mancherorts im Buch ein deutlich schwieriger Nachgeschmack.

 

Allerdings leitet sich ein Verständnis für den „Nicht Umgang“ mit Menschenrechten und die ständige Zensur in China im Buch durchaus aus der geschichtlichen Tradition und der besonderen Mentaltität Chinas her. Das muss der Leser natürlich noch lange nicht gut finden, zumindest aber eine einleuchtende Erläuterung und detaillierte Hintergrundbeschreibungen bekommt er durch das Buch an die Hand.

 

Henry Kissinger legt einen faktenorientierten, kompetenten und aufgrund seiner vielfachen persönlichen Begegnungen und Erfahrungen mit China authentischen und hochinteressanten Blick auf diesen politischen und wirtschaftlichen Koloss vor, der besonders im Blick auf das „neue Jahrtausend“ und die Betonung des „friedlichen Augstiegs“ einen intensiven Blick auf das Kommende zu werfen vermag.


M.Lehmann-Pape 2011

Henry A. Kissinger

 

emigrierte 1938 in die USA. Dort lehrte er ab 1952 an der Universität Harvard und hatte als politischer Berater aller Präsidenten seit Eisenhower sowie als Außenminister großen Einfluß auf die internationale Politik.

1973 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

 

(Quelle: Verlag C. Bertelsmann)