Knaus 2012
Knaus 2012

Henryk M. Broder – Vergesst Auschwitz

 

Für das Heute und gegen das Gestern

 

Wer die Worte Auschwitz, Erinnerungswahn und Endlösung zugleich auf seinen Buchdeckel setzt, der will provozieren, keine Frage. Was Wunder auch bei Henryk M. Broder, mit die spitzeste Zunge zumindest deutschsprachiger Publizisten. Und der nimmt auch in Kauf, dass „wohlfeile“ Empörung eine der Reaktionen auf sein Buch sein könnte. Besser Empörung als gar kein aktuelles Gefühl, so könnte man Broders Versuch auch deuten, sich einem Problem der Gegenwart zu nähern.

 

Zusammengefasst könnte man sagen, dass es Broder gewaltig gegen den Strich geht, wie den Problemen der Gegenwart ausgewichen wird (auch) durch einen „toten“ Erinnerungskult. Und, folgt man seinen spitzzüngigen Ausführungen, so ganz Unrecht hat er sicherlich nicht, betrachtet man sich die rechtslastige, antisemitische Szene gerade in Deutschland, aber natürlich bei weitem nicht nur in diesem, besonders durch seine Vergangenheit gekennzeichnetem, Land.

 

Je mehr nun die Erinnerung, die Erinnerungsrituale, der Erinnerungskult in den Vordergrund (allein) gerückt wird, je deutlicher und klarer demgegenüber Israel in seiner Politik kritisiert wird, desto mehr senkt sich der Schleier über das, was gegenwärtig passiert. Dass eine Frage der „Endlösjung“ bei den direkten Nachbarn Israels, aber auch in den rechten Szenen Europas noch lange nicht „vom Tisch“ ist. Das vielleicht eine Art „Selbsttherapie“ gegen die „Schuld“ gerade der Deutschen durch einerseits aktuelle Kritik an Israels Politik und andererseits ständiger Erinnerung an den Holocaust vollzogen wird, die an den Problemen der Gegenwart auch ein Stück vorbei geht.

 

Recht verstanden könnte man Broder somit dahingehend deuten, dass durchaus eine Erinnerung an vergangene Greuel und politische Antisemitismen zu Nutze wären, würden sie die Gegenwart erschließen und den Blick gegen gegenwärtige Ressentiments schärfen. Nicht aber nutzt eine Erinnerung, die im Vergangenen sich aufhält, in der Gegenwart dann faber ür blinde Flecken sorgt.

 

Broder sieht zur Zeit eine „Verlagerung“ des Antisemitismus, besser gesagt eine „Ummäntelung“ in dem, was er „Antizionismus“ gerade auch in der deutschen Politik nennt. Eine Haltung, die zur Folge hat, Israel zu schwächen, in Broders Augen. Und as hier oft mit falschen Voraussetzungen und einfach faktisch falschen Zahlen operiert wird, das belegt Broder durchaus.

 

Andererseits, anders als polemisch kann man sein Buch nicht nennen. In diesem Tonfall gehen die ein oder andern durchaus nachdenkenswerten Anregungen Broders einfach auch in beleidigendem (und beleidigtem) Tonfall unter.

 

Dennoch bleibt zu konstatieren, dass eine tote Erinnerung schlechteres hervorruft als gar keine Erinnerung, dass der Blick auf aktuelle Gefährdungen und auch auf die Fakten der Palästinenserfrage durchaus gelenkt werden sollte und nicht mit einfachen Argumentationen (und Israel macht sich durchaus angreifbar auch durch seine Haltung) das Grundsätzliche an Problematik, an Antisemitismus, an Bedrohung durch den Iran und Palästinenserhass gegen Israel aus dem Blick rückt. Hier schlägt Broder verbal eine breite Bresche in die Hecken, auch wenn er sprachlich das ein oder andere Mal überzieht.

 

M.Lehmann-Pape 2012