Insel Verlag 2017
Insel Verlag 2017

Herbert Schnierle-Lutz  – Auf den Spuren von Herrmann Hesse

 

„Geographische“ Biographie

 

Im fast unübersehbaren literarisch-biographischen Darstellen und Aufarbeiten von Werk und Leben Herrmann Hesses ist es wahrlich nicht einfach, neue Informationen mit auf den Weg zu geben.

 

Und so bietet auch diese Biographie nicht unbedingt rasant Neues zum Leben des weltweit immer noch geschätzten Schriftstellers, wohl aber einen interessanten, anderen, erfrischenden Zugang vor allem zu den Verbindungen zwischen persönlichem Leben, jeweiligem Ort desselben und die Einflüsse der Lebensereignisse und Wohnorte eben auf das Werk Hesses.

 

So ziemlich jeder der Romane, Essays, Kurzbetrachtungen Hesses, das wird nach der Lektüre dieses Buches wieder einmal überaus klar, sind an konkrete Orte und konkrete Lebensereignisse gebunden und in bester Weise dann literarisch verarbeitet.

 

Calw, der Ort der Kindheit und einer „Zwischenepisode“, Maulbrunn als Schulort, Tübingen, Basel, Gaienhofen (als Versuch des „gesetzten“ Lebens mit Frau und Kindern), Bern (als Versuch, das Gemeinsame andernorts mit mehr „Stadt“ neu zu beleben und zu befruchten) und Montagnola spielen in der Darstellung Schnierle-Lutzes als Ortschaften eine gleichwertige Rolle zum literarischen Ausdruck.

 

So taucht der Leser mit hinein in die Atmosphäre zu jenen Zeiten, in denen Hesse an den einzelnen Orten lebte (wie in Gaienhofen vor allem, das nicht nur abgeschieden lag, sondern tatsächlich kaum bis gar nicht erreichbar war, bis hin zu den Einkäufen per Ruderboot, die als solche bereits zeigen, dass man gute Nerven benötigte, damit einem „Weltzugewandten“ und „Welthungrigen“ Schriftsteller dort nicht die „Decke auf den Kopf fällt“).

 

Jedes der Kapitel ist dabei in gleicher Weise im Buch aufgebaut.

 

Zunächst führt Schnierle-Lutz biographische Fakten aus dem Leben Hesses an, um im Anschluss die jeweilige Annäherung an den Ort als „Anreisebeschreibung“ dem Leser vor Augen zu führen. In beiden Teilen wird jeweils auch mittels vielfacher Zitate Hesses und Verweise auf dessen Werke deutlich, wie eng dieses äußere Leben das innere Erleben Hesses mitprägte und in Romanen und Briefen ausgedrückt wurde.

 

Ein ausführlicher Rundgang durch den jeweiligen Ort, den Schnierle-Lutz bildkräftig zu vermitteln versteht, führt den Leser dann in seiner Vorstellungskraft hinein in das Leben des Autors.

 

Wie er in Calw auf der Brücke saß und fischte, was ihm damit Heimat wurde, woran er nicht mehr rütteln wollte in späteren Jahren, aber auch welche inneren und äußeren Kämpfe im Elternhaus zu Buche stehen (in Romanen gut nachvollziehbar), was für Calw gilt, gilt für jeden der Lebensorte Hesses und wird von Schnierle-Lutz ausführlich sprachlich anregende zu lesen aufgegriffen und vermittelt.

 

Illustriert durch aussagekräftige Fotografien (damals und heute) entsteht so ein lebendiges Bild der inneren Verknüpfung von Leben, Wohnen, innerem Ringen aber auch Brüchen und „Ausraster“ in diesem intensiven Leben.

 

 

Eine anregende und sehr gut zu lesende Annäherung an das Wesen von Person und Werk des Mannes und Künstlers Hermann Hesse.

 

M.Lehmann-Pape 2017