Klett-Cotta 2011
Klett-Cotta 2011

Holger Hof – Gottfried Benn

 

Person und Werk

 

An Gottfried Benn schieden und scheiden sich noch die Geister. Nicht unbedingt, was sein literarisches Schaffen angeht, mit dem er die Literatur in Deutschland vor und nach dem 2. Weltkrieg entscheidend mit geprägt und beeinflusst hat. Wohl aber, was seine Person, seine anfangs ausgesprochene Nähe zum Regime des dritten Reiches angeht. In dem er, wiederum ein Spannungsbogen, seit 1938 mit einem Schreibverbot belegt worden war, nachdem er eine deutlich kritischere Haltung erkennen hatte lassen..

 

Eine hohe Reibung ist es somit, die zwischen Person und Werk sich vor allem in der Rezeption aufbaut. Der die bürgerlichen Verhältnisse in Frage stellende Literat und die auch als Stabsarzt mitwirkende Person im dritten Reich. Der Mediziner (von Beruf war Benn Dermatologe) und der „große Überlebende“ zweier Weltkrieg, wie Hof ihn nennt und expressionistische Dichter in Person. Einer, der „ein Leben an den Rändern“ führte, wie Benn es selbst von sich sagte, was sich auch im Privaten niederschlug (viele Affären begleiten den Lebensweg Benns).

 

Mithin Stoff genug für eine umfangreiche Biographie, die Holger Hof kunstvoll und mit sprachlicher Qualität vorlegt. Eine Biographie, zu deren Grundlage Hof bisher kaum verwendetes Material nutzt. Tagebuchaufzeichnungen und Briefe Benns finden ihren Niederschlag auf den knapp 450 Seiten des Buches. Quellen, die nicht unbedingt die Person Benns in völlig neuem Licht erscheinen lassen, durchaus aber entscheidende Nuancen hier und da hinzuzugeben verstehen. Nuancen, die Hof strikt aus den vorliegenden Fakten erhebt. Eng hält er sich an die Quellen, Fantasien oder kühne Rückschlüsse finden sich, durchaus zum Besten des Buches, nicht im Text.

 

In diesem Stil gelingt es Hof, den Lebensweg und das Schaffen Gottfried Benns minutiös fast nachzuzeichnen und vorzulegen. Vor allem die Anfangsjahre beleuchtet Hof auf diesem Weg ausführlich (auch wenn er im  Buch zunächst mit dem Jahr 1943 einsetzt) und eröffnet so dem Leser auch einen Blick in die innere Entwicklung Benns. Eine Entwicklung, die nicht immer folgerichtig logisch aufeinander aufbaut, die nicht immer greifbar in ihren Wendungen ist. Gerade diese Umschwünge und Hinwendungen aber sind es auch, die dem Leben Benns jenen reibenden Spannungsbogen geben, welcher im Buch nachvollziehbar vorliegt.

 

„Wer wie ich alle Scalen von Missstimmungen, inneren und äußeren Dyspepsien, Verfallslagen, Gebrochenheiten, tiefsten Depressionen, unsagbaren Zerstörtheiten kennt...“.

 

In diesen nicht zu ergründenden „Zusammenbrüchen“, die Benn hier beschreibt, sieht Hof durchaus mit Ursachen für Verwandlungen, Neuausrichtungen und Neuanfängen, die allerdings ohne ein „schlechtes Gedächtnis“ nicht möglich gewesen wären. So stellt Hof Benn auch als einen Mann dar, der aus dem „Unerinnerlichen das Erträgliche“ sich selbst schuf.

 

Auf dieser Grundlage des Umgangs mit dem Gestern bei Benn zeigt Hof unprätentiös und alle Quellen der Selbstdarstellung Benns auswertend ein durchaus dichterisch intensives, aber persönlich manches Mal auch ganz „kleines“ Leben. Ein Leben, dem bereits mit dem dichterischen Debüt „Morgue“ der Eintritt in die Welt der europäischen Literatur gelungen war. Eine Literatur, die im Buch ebenso Niederschlag und Erläuterung findet, wie die Lebensstationen Benns dargestellt werden.

 

M.Lehmann-Pape 2012