National Geographie 2010
National Geographie 2010

Iago Corazza, Greta Ropa – Japan zwischen Tradition und Moderne

 

Bilderreigen der Reibung und der Einblicke

 

Die ersten beiden großformatigen Fotografien geben die Intention und das Thema des Buches in symbolträchtiger Form bereits wieder.

 

Japan ist einerseits das Land der sozialen Einheit als Gruppe und Gemeinschaft, die unendlich scheinende Zahl der Schülerinnen in Schuluniform deuten diese jahrhundertealte Tradition der Geringschätzung des Individualismus an. Andererseits ist Japan eine der führenden Industrienationen, das futuristische zweite Bild steht als Symbol für diese Vorwärtsgewandtheit des Inselstaates.

 

Beides aber schließt sich nicht aus, die Tradition, die althergebrachten Werte bedingen und durchflechten in umfassender Weise auch die Haltung und Arbeitsweise des modernen Industriestaates Japan. Eine Verflechtung, die den gesamten Alltag des Landes prägt und die japanische Lebensweise deswegen in Teilen so fremdartig und undurchschaubare mit all ihren sozialen Regeln, Riten und dem Nebeneinander von Geishas und Managerinnen, von High Tech Industrie und alter Shinto Religion erscheinen lässt. Ein starke Bestimmung durch Traditionen und Regeln, die in den Bildern des Buches in hochwertiger Form und interessanten, treffenden Blickwinkeln einen faszinierenden Ausdruck findet.

 

Ein Land volle Kontraste ist es, das in der Fotostrecke dieses eindrucksvollen Bildbandes vor die Augen des Betrachters gestellt wird. Von nur wenig Text unterbrochen, der sich zudem, nach einer Einleitung zum jeweiligen Kapitel zumeist darauf beschränkt, als Überschrift zu den einzelnen Bildern zu fungieren, bietet der Band eine faszinierende Reise für die Augen in das Land der aufgehenden Sonne. Kontraste, die als Resultat der japanischen Amivalenz in Momentaufnahmen hervorragend eingefangen wurden. Die einerseits hohe Bestrebung der Bewahrung mitsamt dem einhergehenden abwerten Blick auf alle und alles nicht japanische setzt sich im lauf der Jahrzehnte deutlicher und sichtbarer in die Reibung mit der wirtschaftlichen Weltoffenheit und den einfließenden Elementen dieser Welt auch nach Japan.

 

In verschiedenen Kapiteln und damit thematischen Sichtweisen wird diese Reibung an vielfachen Orten deutlich, ebenso, wie die kreative Kraft in den Raum tritt, alle neune, fremden Impulse in das geprägte, soziale Leben zu integrieren. Das erste Kapitel über Tokyo und Kyoto setzt hier bereits Maßstäbe für das Buch und seine Intention. Pulsierende Metropole modernster Prägung und demgegenüber die alte Hauptstadt mit ihren unzähligen Schreinen, der althergebrachten Lebensart, im zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. Treffende Bilder von Gegenkulturen, die dennoch beide in gleichen Teilen den Lebenspuls Japans abbilden. Vielleicht so, wie es das zweite Kapitel des Buches nahelegt, jahrtausende alte Traditionen mit letztlich ungebrochener Kraft hinter modernsten Fassaden.

Hier sind eindrucksvolle Bilder zu finden. Die Geisha. Der Sumo Ringer. Der Mönch. Der Schmied. In den Gesichtern und den vollendeten Formen der Haltung spricht die Tradition, das durchaus auch festgefahrene, erstarrte Leben des Landes. Einige Seiten weiter dann Eindrücke von aktueller und moderner Mode Japans, die vor allem eines zu sein hat, anders.

 

Der Bildband besticht durch seine Intention, Japan gerade in seiner Gegensätzlichkeit zu zeigen und legt einen starken Schwerpunkt auf die alltägliche Seite des Lebens, des Sozialwesens Japans. Wunderbar gelungen ist die Gegenüberstellung teils fast futuristischer Moderne und uralter Tradition, individueller Suche und fester, in Teilen starrer sozialer Einbindung. Bilder, die eine beredete Sprache von diesem letztlich nicht wirklich fassbaren Lebensgefühl sprechen.

 

Wuchtig, hochwertig und eindrucksvoll bietet der Bildband einen profunden Einblick in das heutige Japan gerade ohne den Versuch zu unternehmen, die Spannungen zwischen Tradition Moderne aufzunehmen. Eher noch darauf verweisend und Spuren zeigend, wie stark die uralten Traditionen hinter modernsten Fassaden noch lebendig und wirksam sind.

 

M.Lehmann-Pape 2010