Riemann 2011
Riemann 2011

Ina Freiwald – Können Sie strippen?

 

Realsatire

 

Kurt Tucholsky sagte einmal: „Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit“.

Diesen Satz setzt Ina Freiwald ihrem „Erlebnisbuch“ vorweg. Ein „Erlebnisbuch“ im Übrigen, das zum einen ob des flotten Stils und der dargebotenen Inhalte ein Erlebnis ist, ebenso, wie es auf Erlebnissen beruht. Als Dozentin unter anderem auch im Rahmen von Bewerbungskursen kann die Autorin aus dem Vollen der eigenen Erlebnisse schöpfen.

 

Was sich in Stil und Inhalt in Teilen fast liest wie eine Persiflage, hat so einen durchaus ernsten Hintergrund, nämlich den der „Wiedereingliederung“ von Arbeitslosen in das Erwerbsleben im Rahmen der ARGE und des deutschen Sozialstaates. Ein Hintergrund, bei dem einen durchaus das Schmunzeln fast im Munde stecken bleibt, so unglaublich sind einige der dargestellten Fälle, Personen und Umstände, die Ina Freiwald im tatsächlich „wahren Leben“ begegnen.

 

Ein satirisch wirkendes Erleben, das schon im ersten Bonmont zum tragen kommt. „Was sagt ein arbeitsloser Physiker zu einem, der Arbeit hat? Eine Tüte Pommes, bitte“.

Härter dann noch der Nachsatz, in dem die Autorin freiweg betont, dass kein arbeitsloser Physiker einen „so begehrten Job wie Pommesverkäufer“ bekommen würde. Man glaubt es kaum und dennoch wird bei fortschreitender Lektüre klar, dass Ina Freiwald trotz ihres ironischen und humorvollen Stils vielleicht sprachlich, nicht aber im Kern des Dargestellten hier und da überspitzt und übertreibt.

 

Was sie übrigens auch an sich selbst erlebt, denn auch sie beschreibt im Buch ihren „ersten Einsatz“ als Jobvermittlerin und ihre Annäherung an dieses „selbstvermittelte“ Arbeitsfeld. Gibt nebenbei Einblick in das überhaupt nicht Meg-Ryan-artige Leben als freischaffende Journalistin samt der Bedeutung eines inzwischen 11jährigen und munter vor sich hin lebenden „Karriereknicks“ des eigenen Lebens als Mutter. Und wie schnell das dann geht, „Jobvermittlerin“ werden zu dürfen....

 

Was sie dann aber erlebt, braucht doch ihren ganzen Einsatz und, vor allem, ihre Kreativität. Desillusionierung, Demotivation, das ist eine Grundstimmung, die sie bereits in ersten Gruppe feststellt. Ein „Tsunami aus Selbsterniedrigung und Frustration“, wie es eine Kollegin ausdrückt. Ziemlich hart wird Ina Freiwald dafür arbeiten müssen, hier und da auch das ein oder andere nicht nur persönliche Erfolgserlebnis umsetzten zu können. Dies übrigens bildet auch den Kern des Buches, das „Hereinwachsen“ in die Tätigkeit. Ein wenig mehr systemischer Einblick und ein weiterer Blick über die konkrete Gruppe hinaus hätten dem Buch dabei noch gut getan.

 

An den individuellen Beispielen dieser Gruppe von Menschen, auf die sie in ihrem ersten Einsatz trifft, führt Freiwald die Tücken des Systems und die einzelnen Schicksale vor. „Wie eine Reiseleiterin, die ein buntgemischte, völlig undisziplinierte Touristengruppe durch ein Kriegsgebiet führt“. Das Buch zeugt von dieser „Reiseleitung“, zeigt persönliche Eigenarten der Beteiligten genauso auf, wie fast unlösbare systemische Probleme, zeigt aber durchaus auch auf, wie die Autorin in ihre Aufgabe hineinwächst und mit durchaus kreativen Methoden versucht, „ihren“ Arbeitslosen einen Weg zu bahnen. Immerhin, das bleibt hängen nach diesem eigentlich ernüchternden Blick auf die deutsche Wirklichkeit der „Arbeit mit Arbeitslosen“, irgendwie geht doch was. Eine durchaus empfehlenswerte (und gut geschriebene“ Reise in die Welt der deutschen ARGEN.

 

M.Lehmann-Pape 2011