Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Ingeborg Gleichauf – Das Leben der Gudrun Ensslin

 

Zeitgeschichte

 

Angesichts der in der Gegenwart ungleich höheren „Gefahrenlage“ angesichts des globalen Terrorismus erscheint der „Bewaffnete Kampf“ der RAF Ende der 70er Jahre fast schon „sozialromantisch“, was ein gefährliches Denken wäre, denn was die fanatische Grundhaltung der RAF Terroristen anging und die Bereitschaft, in aller Härte zu töten, schenken sich die verschiedenen Bedrohungen nichts.

 

Und Gudrun Ensslin war eine der führenden Köpfe der RAF und ebenso ist an ihrer Lebensgeschichte exemplarisch auch für die Gegenwart abzulesen, wie eine solche Entwicklung einer Abstammung aus gutbürgerlichem Haus mitten hinein führt in eine fanatisierte Haltung und schrankenlose Bereitschaft zur Gewalt. Auch wenn die dahinterstehende Ideologie eine andere gewesen sein mag, für die innere Entwicklung spielt letztlich nur eine Rolle, dass überhaupt eine „Ideologie“ vorhanden ist. Die Elemente einer solchen Gewaltideologie sind dann austauschbar.

 

Denn, das arbeitet Gleichauf differenziert auf, es ging eben nicht nur um einen Andreas Baader als eine Art „Zuhälter“, dem dann auch Gudrun Ensslin verfallen ist. Gudrun Ensslin war nicht nur „Angepasste“ im Aufwachsen, ihre innere Entwicklung wäre zu kurz gegriffen beschrieben, sie in alten Schlagworten wie „Verführte“ oder „ganz und gar Unfreie“ allein zu kennzeichnen.

 

Zwar mag an vielen der Schlagwortartigen Belichtungen der Person auch das ein oder andere Wahre mitschwingen, dennoch aber liegt in Gudrun Ensslin durchaus eine eigene, erkennbare Ausrichtung vor, die mitnichten nur als „Mitläuferin“ beschrieben werden kann.

 

„Wem die Fragen nicht brennen, bei dem zünden auch die Antworten nicht“. und „Standpunkt ist für mich der Typ, der aufsteht“. Klare Worte Ensslins, die einerseits eine anfängliche Ohnmacht einer Welt, einem System gegenüber kennzeichnen, das in ihren Augen „am Menschen vorbei“ sich entfaltet hat und weiter entfaltet, und die andererseits aufzeigen, wo Ensslin die Überwindung zumindest ihrer persönlichen Ohnmacht bewusst erlebt hat. Im „Aufstehen“ und „Kämpfen“.

 

Und so fächert Gleichauf dem Leser differenziert auf, dass es eben nicht die „Organisation RAF“ als erschöpfende Antwort gibt und gab, sondern es wichtig ist, sich den einzelnen Elementen dieser RAF zu nähern.

 

„Wer war jeder und jede Einzelne“? Wer war Gudrun Ensslin? Das sind die Fragen, die helfen, nachzuvollziehen, welches Konglomerat an Elementen für die Persönlichkeit zumindest von Ensslin entscheidend waren, genau jenen Weg für sich zu wählen und zu gehen.

 

Und genau da zeigt sich, dass Ensslin letztlich viel „mit der Lebenswirklichkeit der Menschen ihrer Zeit und mit uns Heutigen zu tun hat“. Denn Ensslins stellte Fragen, die auch heute noch sich aufdrängen. Richtete zunächst ihren Sinn auf die Fragen nach der Welt, in der man lebt und leben will und wie diese mit „den anderen“ verknüpft ist. Dass die Antwort eine destruktive war, das eine Schaukel der Gewalt in Gang gesetzt wurde, das ist nicht akzeptabel und führt zur Feststellung, dass immer noch gilt: Die Welt, die man sich erträumt, muss in den Mitteln, die man einsetzt, sich widerspiegeln.

 

Was die Antwort der Gewalt angeht, da greifen im Übrigen so manche der alten Plattitüden und Bilder. Was aber den Weg in diese Gewalt angeht, da gälte es, heute wie damals, für diese grundlegenden Fragen zu brennen und sich nicht mit vorgefertigten Antworten zufrieden zu geben.

 

 

Eine differenzierte Schilderung, in der Gleichauf es wagt, ihrem Objekt emotional nahe zu kommen und damit für den Leser die Beweggründe, die Irrtümer, aber auch die Wahrheiten hinter diesem Lebensweg für sich zu erschließen.

 

M.Lehmann-Pape 2017