S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Jörg Blech – Die Psycho Falle

 

Wenn „normal“ zu „krank“ wird

 

Es ist gar keine einfache Antwort zu finden auf die Frage, ob durch moderne Forschungsmethoden „neue“ Krankheiten tatsächlich entdeckt werden oder ob eher „Althergebrachtes“ unter nur „neuem Namen“ plötzlich zu einer ausgewachsenen Diagnose und dann zu einer ebenso ausgewachsenen, dringend notwendigen, Therapie dann wird.

 

Ob das altertümliche „schwer von Gemüt“ dann irgendwann zu „depressiv“ bis hin zum „Burnout“ erst „benannt“ wurde und somit plötzlich in aller Munde und pharmazeutisch von hohem Interesse wurde.

Wie auch „ADHS“ oder vielfache andere psychische Krankheitsbilder.

 

Nun zeigt Jörg Blech in seinem neuen Buch, durchaus nicht zu Unrecht, vielfache Auswüchse des „psychologischen und psychiatrischen Systems“ auf, die auf den ersten Blick in Teilen fast schockierend wirken. Auf den zweiten Blick wird deutlich,  wie vor allem durch ein einfaches „enger ziehen“ eines Rahmens bereits medizinischer Druck entsteht.

 

Jahrhundertelang war so z.B. das „Trauerjahr“ gesetzt, schon bevor es im katholischen Brauch mit festen Riten zusätzlich versehen wurde. Das nun jemand schon behandlungsbedürftig sein soll, der nach 2-3 Wochen noch um einen lange verbundenen, geliebten Menschen trauert, kann man beruhigt als offenkundig nicht gerechtfertigt bezeichnen.

 

Oder dass pubertierende Kinder einfach altersgemäß, an sich, nicht immer „ganz normal“ sind und das sein dürfen, ja, eigentlich sein müssen, auch das ist einfach nur einsichtig. Demgegenüber die „bipolaren Störungen“ oder „Psychosen“ die da behandlungsbedürftig vermutet werden, zu allererst mal den Pubertierenden unter hohen Druck setzen, sein Umfeld gleich mit dazu und sowohl Therapeuten, als auch pharmazeutischen Unternehmen vor allem ein Absatzfeld eröffnen.

 

Das sind klare Worte, die überzeugen. Wobei die „andere Seite“ im Buch ein stückweit zu kurz kommt und daher in Gefahr steht, unter den Tisch zu fallen. Neben diesen „Auswüchsen“ ist eben nicht alles so einfach zu erklären, so auf ein „gab es immer, ist so, kein Grund zur Sorge“ zurückzuführen, wie es phasenweise im Buch wirkt.

 

Es ist die Stärke des Buches, die Auswüchse der „psychischen Krankheiten“, die gerade in den letzten Jahrzehnten zu einer kaum glaublichen Quantifizierung psychisch behandlungsnotwendiger „Störungen“ geführt haben, aufzuzeigen. Mit der Gefahr, über diese Ziel hinauszuschießen und „echte Störungen“ klein zu reden.

 

Natürlich glaubt man Blech in seiner Vermutung, dass der ein oder andere Forschende intensiv (oft auch in bestem Wissen) versucht, seine „kleine“ Entdeckung oder Vermutung zu einer „Volkskrankheit“ auszuweiten. Aber eben nicht jeder und  nicht überall. Was Blech auch nicht behauptet, was aber als Wirkung der vielen Beispiele im Buch sich verankern könnte.

 

Somit steht Blech im Buch in Gefahr, über das Ziel hinaus zu schießen, faktische Problematiken und belastende psychische Störungen zu einfach zu erläutern und zu weit in seinen nun geweiteten Rahmen zu fassen.

 

Andererseits ist und bleibt es überzeugend und durch dutzende praktischer Beispiele von Blech im Buch erläutert und belegt, dass der Rahmen, der früher noch als „normal“ durchging, inzwischen so eng gefasst wird, dass man fast jede Regung und Äußerung des „inneren Menschen“ als Krankheit benennen könnte.

 

Hier ein gesundes Maß zu finden, psychisch notleidenden Menschen tatsächlich (auch pharmazeutisch) zu helfen, die Kirche dabei aber weitgehend im Dorf zu belassen, dazu könnte dieses Buch ein  Beitrag auch für den Leser sein (der sich nicht immer gleich „irre“ vorkommen muss bei „Auffälligkeiten“ die zur Person und zum Leben vielleicht einfach hier und da dazugehören).

 

„Wohl dem, der eine Macke hat“ ist einerseits zwar oberflächlich plakativ formuliert (und daher auch mit Vorsicht zu betrachten, wie so manch anderes im  Buch),  andererseits aber, und das ist ebenfalls Blechs Anliegen, auch ermutigend und entlastend für Menschen, einfach „anders als die Anderen“ auch sein zu dürfen.

 

 

Lesenswert, aber differenziert zu betrachten.

 

M.Lehmann-Pape 2014