Ullstein 2011
Ullstein 2011

Jörg Zittlau - Nerds

 

Nerds in der Weltgeschichte

 

„Der Nerd hat eine lange Geschichte. Er ist keine bloße Erscheinung des Computerzeitalters. .... Den Nerd gibt es schon viel länger, wahrscheinlich sogar schon so lange, wie es den Homo sapiens gibt“.

 

Das ist die Grundthese Zittlaus, der er in seinem überschaubaren Buch durch die Zeiten hindurch nachgeht und in kurzen, biographischen Einlassungen die Lebenswege so mancher „Nerds“ nachvollzieht, auf die man diesen doch eher festgefügten Begriff der modernen Zeit kaum von sich aus angewendet hätte. Aber bei näherem Hinsehen, da gibt man Zittlau dann gerne recht, ist ein Nerd keinesfalls eine Zeiterscheinung der digitalen Welt, sondern einfach eine Form der Persönlichkeit. Eine Art und Weise, zu leben und die Dinge anzugehen, die immer wieder auf konkreten Gebieten die Dinge energisch und innovativ vorangetrieben hat.

 

So stimmt auch der Untertitel des Buches nicht, sicherlich als lockerer Einstieg gedacht. Zittlau spricht im Buch von Vielen, die zu Zeiten lebten, als Brillen noch gar nicht erfunden waren. Denn die Urform des Nerd fast in Reinkultur waren griechische Philosophen, Männer wie Thales, Heraklit, Aristoteles, Diogenes u.a.. Ausschließlich Männer, übrigens, denn der Nerd ist schlechterdings, zumindest im Buch, als Frau so gut wie nicht , höchstens am Rande, vorstellbar (außer Marie Curie und, mit Abstrichen, Tavi Gevinson).

 

Um solche Personen also geht es Zittlau, die „mächtig abgedreht“ sind. Die wenig Wert auf ihr Äußeres legen, sondern sich in der Innenschau und Innenwelt intensiv rühren und vorwärts denken. Die im sozialen Umfeld belächelt werden, nie in der Mitte der sozialen Gruppen anlangen. Aber durchaus in sich Energien entfalten, die, wenn sie nach außen dringen, viel in Bewegung zu setzen vermögen. Und hier für führt Zittlau viele Beispiele an, von den „Nerd Duos“ Woz und Job und Gates und Allen über Zappa, Warhol, Einstein, Newton, Kant, Thomas von Aquin bis eben in die griechische Antike zurück.

 

Eher beschreibende Portraits sind dabei entstanden, welche die Lebenswege der genannten Nerds nachzeichnen. Mehr als einige Andeutung über den inneren Werdegang der Genannten findet man nicht und an manchen Stellen wäre Zittlau auch besser konsequent dabei geblieben. Bei Steve Jobs im Blick auf dessen Erkrankung zu konstatieren, er hätte sich zu viel zugemutet oder zu wenig Pausen gegönnt, ist einfach nur platt, selbst wenn die Wissenschaft einmal herausfinden sollte, dass zu wenig Pausen Krebs fördernd sein sollten.

 

Gut gelungen demgegenüber ist die Herausarbeitung dessen, was ein Nerd zum einen im sozialen Umfeld an Auffälligkeiten zeigt und zum anderen an Leistungsvermögen in sich trägt, mit der die Allgemeinheit durchaus gleich mit nach vorne befördert. Das Soziale als Schwachpunkt, das steht klar im Raum. Nicht umsonst war es in den Anfangsjahren bei Apple in Bewerbungsgesprächen fast ein Ausschlusskriterium, wenn der Bewerber eine Freundin hatte. Was eine soziale Ausgrenzung dann aber wieder für die Entwicklung konkret bei den vorgestellten Personen bedeuteten könnte, wird zuwenig aufgenommen im Buch.

 

Flüssig und unterhaltsam zu lesen bietet das Buch einen Blick auf „den Nerd“ an sich und seine „menschliche Umsetzung“ im Lauf der Geschichte, legt dabei Wesenzüge des Nerd erläuternd vor und erweitert so den Blick auf den Nerd durchaus. Weitestgehend legt Zittlau dies in amüsant beschreibender Form vor, tiefere Schichten der einzelnen Persönlichkeiten werden bedauerlicherweise kaum in den Blick gerückt. Ob das Thema zudem an sich überhaupt von Interesse ist, das müssen dann die möglichen Leser entscheiden.

 

M.Lehmann-Pape 2011