C.Bertelsmann 2011
C.Bertelsmann 2011

Jürgen Schreiber – Gnadenlos

 

Das Geheimnis des Bösen

 

Wenn man in den Nachrichten davon hört, in der Zeitung auf entsprechende Schlagzeilen trifft, unter Umständen sogar im Umfeld des eigenen Lebensraumes auf das trifft, was bei Kain und Abel der Überlieferung nach das erste Mal in den Raum trat und seitdem als das bei weitem geächtete Verbrechen gilt, wenn man mit Mord konfrontiert wird, dann ist oft das Unverständnis groß. „Wie kann man nur“, ist eine der Fragen, die sich jeder vernünftig denkende Mensch stellt und das nicht nur, weil dieses schwerste der Verbrechen auch die schwersten Strafen nach sich zieht.

 

Jürgen Schreiber hat sich in 20 einzelnen Fällen diesem Verbrechen zugewandt. Konkreter vor allem der Frage hinter dem jeweiligen Mord versucht, zu nähern. Vielfältig sind die vordergründigen Motive, die hinter dem Geschehen eines Mordes stecken können, vornehmlich Leidenschaften sind es, die Menschen zu dieser äußersten Tat treiben. Aber auch Kalkäl und Berechnung finden sich häufiger, als man vermuten mag und ebenso Motive, die der persönlichen Ebene zunächst distanziert gegenüber stehen wie politische Attentate (auch wenn ein eher künstliches Hassgefühl hier durchaus nicht selten erweckt wird).

 

Aus eigener Erfahrung des Journalisten kann Schreiber hier ebenso schöpfen („In einem langen Reporterleben kommt einiges an Mord und Totschlag zusammen“), wie auch aus fundierter und gründlicher Recherche von Verbrechen, die Schreiber zu Zeiten nicht selbst bearbeitet hatte, die er aber nun gründlich und umsichtig von allen verfügbaren Seiten her aufrollt. Auch extreme Situationen begegnen im Buch, die, wie Schreiber zu Recht bemerkt, ein einigermaßen vernünftig denkender Mensch „einfach nicht mehr in sein Leben integrieren kann“. Wie jener Mord, wo einer sich daheim ins warme Bett zur Gattin legt, nachdem er einige Minuten vorher einfach so eine Frau ermordet hat. Diese „dünne Membran, die uns im Alltag von der Schattenlinie trennt“ ist eines der Hauptinteressen Schreibers, immer wieder versucht er, für sich (und damit für den Leser) Erklärungen oder Antworten zu finden, warum Menschen diese Schattenlinie, teils auch aus völlig nichtig erscheinenden Gründen, überschreiten.

 

So gelingt es Schreiber durchaus, in den 20 Reportagen, manches Licht ins Dunkle einer Tat zu bringen. Dass Hans-Joachim Klein, politischer Attentäter im Rahmen einer OPEC Konferenz  1975, im Dunstkreis des Top Terroristen „Carlos“ sich befindend, an sich bereits im Vorfeld und als junger Mann pathologische Züge aufwies (mangelnde „Vorsichtssicherung“) ist einer dieser Hintergründe eines Verbrechens, die Schreiber akribisch zusammenträgt und in denen er Erklärungsmuster anbietet und andeutet. Ebenso interessant zu lesen ist Schreibers Blick hinein in die Parallelgesellschaft aktiver türksicher Blutrache in Wiesbaden, wo mit hochgerüsteter Waffen- und Informationstechnik quasi inmitten der beschaulichen Stadt Jagd aufeinander gemacht wurde. Oder auch seine Reportage über den „perfekten Mord“ an Detlev Rohwedder, der in seinem Haus erschossen wird und bis heute keine Spur des Täters vorliegt.

 

Interessante Fälle von großer Bandbreite finden sich im Buch, durchaus mit Distanz von Schreiber nachvollziehbar vorgebracht. Fälle, bei deren Schilderung er da, wo es möglich (und nötig) ist, auch das private Umfeld von Tätern und Opfern zu Wort kommen lässt und einen umfassenden Einblick in die „Schattenseite“ menschlicher Persönlichkeit eröffnet. Natürlich gibt es letztendlich keine befriedigende Antwort für die Taten, durchaus aber handfeste Erklärungsversuche und Hintergrundinformationen, die dem Leser einen breiten Blick auf die vorgelegten Taten ermöglicht.

 

Fundiert recherchiert, umfassend dargelegt ohne ausufernd zu werden und, wo es möglich ist, mit vielfachen erweiterten Informationen versehen bietet das Buch einen flüssig und gut zu lesenden Einblick in das Verbrechen des Mordes aus vielfältigen Sichtweisen und Erscheinungsformen heraus.

 

M.Lehmann-Pape 2011