C.Bertelesmann 2013
C.Bertelesmann 2013

Jürgen Todenhöfer – Du sollst nicht töten

 

Gegen eine systematische Dämonisierung und für den Frieden

 

Seit Jahren bereits wird Jürgen Todenhöfer nicht müde, seine Idee von einer „guten Welt“, einem gedeihlichen Miteinander der Menschen und Kulturen, medial mitzuteilen.

 

Gleichgültig nun, ob Kritiker ihm „Gutmenschentum“ oder „Überspitzungen“ oder „Profilneurosen“ vorwerfen oder umgekehrt Anhänger seinen Ideen und Darlegungen breite Zustimmung entgegenbringen, Todenhöfer ist vor allem nicht nur einer des „abstrakten Wortes“, sondern auch einer, der macht, tut und handelt. Der sich vor Ort begibt. Der sich Eindrücke verschafft und diese überzeugend reflektiert.

 

Für sein neues Werk war Todenhöfer wieder ausführlich unterwegs. Genau da, wo „es weh tut“. Bei jenen, die für die breite Bevölkerung und die politische Spitze der westlichen Welt eher als „der Feind“ gelten. Syrien an allererster Stelle. Ägypten, Libyen, Iran, Irak, Gaza, Afghanistan. Und mehr noch, Todenhöfer reist hier nicht als eine Art „Tourist auf Risiko“, sondern erhält ob seiner Bekanntheit vielfachen Zugang zu Gesprächen, zu Kämpfern, zum einfachen Volk, zu Gefangenen und vermag dadurch, ungefilterte Eindrücke der Verhältnisse vor Ort zu vermitteln.

 

Aus all dem fokussiert sich seine klar erkennbare und durchaus „west-kritische“ Haltung. Hehre Ideal und wohlfeile Reden beeindrucken ihn nicht, schonungslos nennt er, sicherlich in Teilen auch überspitzt bis polemisch, die eigentlichen Gründe für die vielfachen kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen die westliche Welt mit involviert ist, beim Namen. Wirtschaftliche Interessen, Ressourcen, Bodenschätze sind viel eher Antriebsfeder so manchen Säbelrasselns und scharfer Worte in einem vollmundig behaupteten „Krieg gegen den Terror“, als demokratische Ideale oder echte Friedensbemühungen (die aber auch Todenhöfer natürlich nicht in Bausch und Bogen umfassend abstreitet). Klare Tendenzen sind es allerdings in seinen Augen schon, die zu einer „Dämonisierung des Islam“ führen oder noch führen können. Mit weitreichenden, schrecklichen Folgen für die „einfachen“ Menschen vor Ort. Folgen, die Todenhöfer ungeschminkt dem Leser vor Augen führt.

 

Gerade in seinen breiten Ausführungen zu „den Kriegen des George W. Busch“ weist Todenhöfer schon systematisch auf, wie der Feind sich selber geschaffen wurde („Terrorzuchtprogramme“), natürlich vornehmlich aus wirtschaftlichen Gründen und wie dann die eigenen Marionetten (durchaus nachvollziehbar von Todenhöfer in der Entwicklung dargstellt) zu „Todfeinden“ wurden (ebenso auch unter Erwägung von finanziellen, wirtschaftlichen und ressourcenorientierten Gründen).

 

Einhergehend mit dieser „roten Linie“, die sich durch die Motive zu Kriegen und Interventionen ziehen, weist Todenhöfer viele ganz einfache, kleine und erschütternde Geschichten der „normalen“ Menschen am jeweiligen Ort zu erzählen, die dem Leser eindringlich vor Augen führen, wer eigentlich wirklich welchen Preis für die „große Interessenspolitik“ real zahlt. Wie bei der „Trauerfeier von Asisabad“, Greise, Kinder, zerfetzte Körper, die in offizieller Sprachregelung als „30 getötete Taliban“ vermerkt werden. Oder jene Gespräche mit inhaftierten (und gefolterten) Soldaten Gadaffis in Bengasi, die ein ganz anders Bild vermitteln als die tägliche Berichterstattung aus Krisengebieten.

 

Seite für Seite ein Kaleidoskop des Grauens des Krieges, einer Offenlegung von Gründen für so manche dieser Kriege, in denen man die Empörung Todenhöfers breit spürt.

 

Insgesamt verzichtet Todenhöfer auf breit angelegte „Verbesserungsprogramme“ in seinem Buch, schildert jedoch immer wieder jene Momente der Hoffnung und des Miteinanders, die für ihn die Richtung zum Besseren hin vorgeben.

Ansonsten findet der Leser ausführlich und emotional dicht eine geographisch geordnete Darstellung von Todenhöfers monatelangen Reisen in die Zentren des Kriege unserer Tage und eine Reflektion dessen, was diese Kriege in den Augen Todenhöfers an Interessen antreibt und das es daneben tatsächlich jenen „Traum vom Frieden“ auch real zu finden gibt, den Todenhöfer in er Schilderung von Begegnungen immer wieder vor Augen führt.

 

Eine emotional nicht einfache, durchaus empörte, aber auch sehr informative Lektüre „aus erster Hand“.

 

M.Lehmann-Pape 2013