Ullstein 2018
Ullstein 2018

James Ellroy – Dier Rothaarige

 

Fulminant in eigener Sache

 

Nach der Lektüre dieses biographischen „Berichtes“ zumindest ist dem Leser vollends klar, wie das Lebensthema Ellroys zustande kam, woher genau dieses tiefe „Milieu-Wissen“ gerade des Los Angeles der 50er Jahre, das in erfolgreichen Thrillern des Autors eine der Hauptrollen mitgespielt hat, sich entfaltet hat.

 

„Ein paar Kinder fanden sie“.

„Es war eine weibliche, weiße Person. Sie hatte helle Haut und rote Haare. Sie war ungefähr 40 Jahre alt. Sie lag flach auf dem Rücken“. Tot. Ermordet.

 

Sachlich-nüchtern und doch immer den Leser auch emotional mitten in das Geschehen hineinbringen, in diese Welt harter Männer, lebenswilder Frauen, versehentlicher Fehler, die dramatisch enden können, so erzählt Ellroy vom Mord an seiner Mutter, der offiziell bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt ist.

 

Wie es aber passiert ist, wer es hätte sein können, welche Indizien sich durch stringente Ermittlungsarbeit der Polizei ergaben haben, dem geht Ellroy intensiv nach und beschreibt damit im Übrigen minutiös die Abläufe, die Methoden, die Ermittlungen der damaligen Polizeiarbeit fundiert.

 

„Die Leich lag 69 Meter östlich der Kreuzung Tyler/King“. Und es wird sich herausstellen, dass am Abend vorher nicht wenige Personen die Zeit mit „der Rothaarigen“ geteilt haben und die Einschätzung der Nachbarin, „eine hart arbeitende und zurückgezogen lebende Frau“ und Mutter nicht ganz zutreffend sein wird.

 

Da als zweiter Erzählstrang auch das Ergehen des damals 10jährigen James mit in die Abläufe einfließt, erhält der Leser Seite für Seite mehr Einblick und Informationen in das Familiengefüge, den Charakter und die Lebensweise von Jean, „der Rothaarigen“.

 

„Wenn es ihr in den Kram passte, hat sie auch einfach gelogen“.

Und es gab wohl nicht nur einen Liebhaber zur Zeit des Mordes an Jean.

 

Diese ersten Ermittlungen aber werden im Sande verlaufen. Was Ellroys in den Folgen für sich ebenfalls ausführlich im Buch erläutert, bis er dann, Jahre später, auf eigene Kosten einen Privatdetektiv anheuert (der einem seiner Romane hätte entsprungen sein können oder, wiederum, als Blaupause für die ein oder andere literarische Figur Ellroys herangezogen werden kann).

 

Ein letzter Teil des Buches, der spannend wird, verwirrend, der den Leser bis zuletzt in den Bann zieht.

 

 

Respekt muss man dem Autor dafür zollen, dass er auch in diesen sehr persönlichen Ereignissen seiner Form treu bleibt. Kühl, trocken, sachlich, emotional scheinbar distanziert erzählt er auch diese Geschichte. Und, letztlich, auch die Geschichte seiner literarischen Motive.

 

M.Lehmann-Pape 2018