S.Fischer 2010
S.Fischer 2010

 

James Orbinski – Ein unvollkommenes Angebot. Humanitäre Hilfe im 21. Jahrhundert

 

Unmenschlich

 

James Orbinski weiß, wovon er schreibt. Als ehemaliger Präsident der Vereinigung „Ärzte ohne Grenzen“ berichtet er selbst Erlebtes. Nicht Theorien, gute Worte, warme Hinweise oder rein politisch abstrakte Mahnungen sind es, die er auf den knapp 400 Seiten des  Buches dem Leser vorhält, sondern ein Teil seines eigenen Lebens ist es, dass er hier reflektiert und in dem er seine Bewertung, seine Betrachtung dessen mitteilt, was Menschen auch sein können (und das nicht zu knapp und das nicht selten). Nämlich zutiefst unmenschlich.

 

Aufgrund seiner starken, persönlichen Beteiligung bleibt es nicht aus, dass dieses Buch auch einen Teil seiner eigenen Geschichte und seiner eigenen Motive erzählt, sich der humanitären Hilfe in all den Krisen- und Kriegsgebieten der Welt zur Verfügung zu stellen. Unglaublich beeindruckend ist hierbei nicht nur, was er und andere an persönlichem Einsatz geleistet haben, um den schlimmsten Gräueln entgegen zu arbeiten, sondern zutiefst verstörend und kaum auszuhalten sind all jene realistischen Schilderungen dessen, was er und die anderen Helfer eben nicht verhindern konnten und ohnmächtig mit ansehen und mit erleben mussten.

Gut zu versehen ist diese brennende Wut auf all jene, die sich in teuersten Anzügen als Humanisten vor den Mikrofonen gerieren, wo es aber darauf ankommt, elegant zur Seite schauen, um ja keine eigenen Vorteile wirtschaftlicher oder militärischer Natur zu gefährden.

 

Wenn schon der Leser sprachlos vor vielen seiner Schilderungen steht, wie mag es da ihm selbst als Augenzeuge vor Ort erst ergangen sein?

 

Somalia, Afghanistan, der Kosovo, der Sudan, sei es im Krieg, Bürgerkrieg, sei es im Angesicht von Naturkatastrophen oder im Kampf gegen Aids in Ruanda, an allen Orten konnte Orbinski mit seiner Organisation einerseits tausenden von Menschen Helfen und musste anderseits mit ansehen, wie eine noch größere Zahl elendig zu Grunde ging oder gezielt getötet wurde.

 

All dies und noch viel mehr erläutert, beschreibt Orbinski im Buch in klarer, in keiner Form verstellter, Sprache. Er schaut nicht weg, er bläht nicht auf, aber gerade dieser über weite Strecken nüchterne Stil geht tatsächlich mehr unter die Haut als jedes literarisch verbrämte Werk. Gerade weil er nicht weg sieht, weil er die schlimmsten Gräuel minutiös beschreibt, ist es umso verständlicher, ihm an jenen Stellen des Buches eben auch folgen zu können, in denen sich seine Wut, seine Ohnmacht und seine Enttäuschung Bahn brechen. Verzweiflung darüber, dass Menschenrechte scheinbar nur da gelten, wo der Wohlstand nicht in Gefahr gerät und ansonsten menschliche Raubtiere ohne weiteres von der Kette gelassen werden.

 

Wenn man sich dann auch noch vor Augen führt, wie ungeschützt „Ärzte ohne Grenzen“ oft operieren musste, wie die brutalsten Clan Führer noch Ihren „Wegzoll“ von den mitgebrachten Medikamenten und Materialien verlangten und wie eloquent die Mächtigen und Reichen dieser Welt wunderbar an all diesem Elend vorbeischauen, dann kann man tatsächlich ins Zweifeln kommen, ob der Mensch tatsächlich mehr ist als nur ein eigennütziges Tier.

 

Dieses Buch sollte ein, wenn auch schwer zu ertragende, Pflichtlektüre in jedem Schulabschlussjahrgang  sein und zwangsweise jedem B-Promi und halbseidenem Investmentbanker samt die Wirtschaft politisch hätschelnder Parteien vorgelesen werden.

 

Vor allem, um nicht in der Depression zu verbleiben, der Epilog, in dem Orbinski klare Forderungen benennt. Die durchaus erfüllbar wären, wenn man bereit wäre, den Preis zu zahlen (übrigens nur ein Bruchteil dessen, was die aktuelle Bankenkrise bereits verschlungen hat.

 

M.Lehmann-Pape 2010