Piper 2013
Piper 2013

Jane Hawking – Die Liebe hat elf Dimensionen

 

Ein Ehe-Leben im ganz eigenen Kosmos

 

Als Jane Hawking Stephen Hawking kennenlernte, sich verliebte und letztlich heiratete war schon ungefähr klar, welche Zukunftsaussichten die damals bereits diagnostizierte Krankheit mit sich bringen würde. Offenen Auges hat sich Jane Hawking darauf eingelassen, den schubweisen körperlichen Abbau mit begleitet und abgefedert, das späterhin schwer behinderte Genie, immer am Rande zwischen Leben und Tod, umfassend betreut.

 

Soweit, vertraut man ihren sehr sachlichen, oft nüchtern wirkenden Schilderungen, dass ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder teilweise wie im Schraubstock steckte, mit Folgen für die Entwicklung aller Beteiligter, durchaus und vor allem auch der Kinder.

 

Als nach 25 Jahren die Ehe beendet wurde (durch Stephen Hawking, der damals bereits eine neue Frau, eine seiner Pflegekräfte kennengelernt hatte und bald darauf heiratete), war dies keine Folge der schweren Behinderung, sondern, wie im Buch intensiv nachvollziehbar ist, eine Konsequenz der Persönlichkeit Stehen Hawkings. Des „Königs im Haus“.

 

Bittere Momente sind es da im Übrigen, welche Jane Hawking schildert. Momente auch, in denen sie erfahren muss, wie abwertend die Haltung gerade der Mutter Stephen Hawkings ihr gegenüber wirklich ist (und über all die Jahre war), wie beeinflussbar Stephen Hawking selbst sich zeigt, wie sehr ein gesamtes Umfeld, eine Freundes- und Kollegenkreis sich umgehend abwendet. Bitter zu erleben, dass eben doch über all die Zeit, trotz des Kampfes auch um die eigene, berufliche Anerkennung samt Promotion, sich „die Welt“ nur um ihren Mann dreht (und dieser sich letztendlich auch nur mit sich beschäftigt zeigt).

 

Dass ein weiterer Mann, Sohn eines Pfarrers, eine Rolle spielen könnte, das ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn Jane Hawking diese Beziehung offen und dennoch sehr diskret und „im Rahmen der Familie“ lebte. Jener Thomas, der eine intensive Hilfe darstellte, in den dunkelsten Stunden sie selbst gar vom „Gang in das Wasser“ abhielt und für die gesamte Situation ein wesentlicher stabilisierender Faktor war.

 

Es bleibt nicht aus, dass im Buch im Kern das Bild eines genialen Wissenschaftlers gezeichnet wird, der im Geist das Universum bereist, höchste mathematische Abstraktionen löst, aber, nicht zuletzt aufgrund seiner fortschreitenden Krankheit, emotional eher ein (oft trotziges) Kind im privaten Leben mehr und mehr darstellte.

 

Sachlich und nüchtern im Ton schildert Jane Hawking ihren gemeinsamen Weg mit Stephen Hawking. Vom ersten Kennenlernen fast noch in der Kindheit, über Verabredungen, zueinander finden, heiraten, drei Kinder gemeinsam bekommen und dann einen langen, langen Weg „abwärts“ körperlich und seelisch mit diesem Mann teilend.

 

Klagend, vorwerfend, emotional bewegt ist der Tonfall nicht. Eher in einer Art Berichtsform legt Jane Hawking die gemeinsame Jahre, das Ende der Ehe und den aktuellen, durchaus befriedeten Stand der Beziehung zu Stephen Hawking vor. Und dieser Tonfall hilft dem Leser durchaus, selbst die emotionalen Hintergründe und das Gefühl der Verlorenheit zu erfassen, welches das Leben von Jane Hawking übe so lange Jahre auch mit begleitet hat (wobei es nicht ausbleibt, dass hier und da Enttäuschung und Bitterkeit durchaus auch vordergründig zu spüren sind).

 

Was das gemeinsame Leben mit dieser schweren Behinderung bedeutete bis zum Verlust der Sprache und der häufigen Panikanfälle, wenn wieder einmal das Ersticken droht, was es bedeutet, mit knappen Mitteln einen hohen Pflegeaufwand zu betreiben und was es vor allem für Kinder bedeutet, im Schatten dieses Mannes und dieser Situation ihren Weg zu finden, das stellt Jane Hawking sehr plastisch vor die Augen des Lesers.

 

Wie sie, zudem, es nicht versäumt, auch die wichtigen, erfolgreichen Stationen der Arbeit ihres Mannes zu beschrieben. Durchaus auch die Physik und „das Universum“ nehmen eine gewichtige Rolle im Buch ein, ohne sich allerdings zu sehr in den Vordergrund zu drängen.

Eine Physik, die sich auch als „mitleidlose Nebenbuhlerin“ herausstellen sollte.

 

Eine im Ton sachliche und nüchterne, im Inhalt aber emotional sehr bewegende Biographie einer starken Frau.

 

M.Lehmann-Pape 2013