S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Javier Cercas – Der falsche Überlebende

 

Umfassender biographischer Roman

 

Es ist einerseits empörend, wenn da einer sich so dreist und auf solchem Hintergrund mit „fremden Federn“ schmückt und über Jahrzehnte hinweg erfolgreich von sich behauptet, ein KZ Überlebender zu sein. Und daraus nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Kapital und Posten gewinnt.

 

Es ist aber auch eine treffende Spiegelung der modernen Welt, die nicht erst aktuell auf „Fake News“ hereinfällt, diese gar noch hofiert und in Windeseile verbreitet. Das der „schöne Schein“ mehr zählt als das dahinterstehende „Sein“ und das jemand, der gerne etwas darstellen würde, kaum bessere Aussichten auf Erfolg finden wird, als sich eine „eigene Geschichte“ zu geben, die ihn herausragen lässt aus der großen Masse der Menschen.

 

Und Fake, Schein, vor allem aber etwas Besonderes zu sein scheint ein großer Antrieb zu sein zu allen Zeiten. Selten war es so leicht wie zur Zeit allerdings, mit wenig „Sein“ „nach oben zu kommen“.

 

Sehr fundiert recherchiert und sehr breit und umfassend geht Cercas in seinem neuen Werk diesem Enric Marco nach. Angefangen bei der düsteren Kindheit mit der Mutter im Irrenhaus über seine Zeit in Deutschland (aber eben nicht im KZ) bis hin zu seiner „Enttarnung“.

 

„In Enrics Geschichte kommen eigentlich alle total schlecht weg, angefangen bei Enric selbst. Das gilt aber auch für Journalisten und Historiker und Politiker, also eigentlich für das ganze Land. Wer Erics Geschichte erzählen will, muss den Finger in alle möglichen Wunden legen“.

 

Was Cercas vollzieht und ein breites Netzwerk von Lügengeschichte, aber auch das „Glauben wollen“ derselben samt damit einhergehender fast „Lust an der Verehrung“ offenlegt mitsamt der Prägung seiner Hauptfigur durch die erlebte Kindheit und Jugend.

 

Dem 30 Jahre als Vorsitzender der spanischen KZ Überlebenden folgten samt Vorträgen, Interviews, Auszeichnungen und allem, was diese herausgehobene Position noch mit sich brachte.

 

„Die Wirklichkeit bringt dich um, Rettung bringt nur die Fiktion“. Ein schriftstellerischer Leitsatz den Cercas in diesem Werk zum Glück verlässt und die Mechanismen moderner „Berühmtheit“ kühl offenlegt.

 

„Als hätten wir alle ein bisschen von Marco. Als wären wir alle ein klein wenig Betrüger“. Zumindest solche, die manche Spiele gerne mitspielen, weil die tolldreiste Geschichte und die markigen Sprüche einfach vielleicht auch interessanter sind als das „ganz normal“ dröge Leben.

 

Und so spinnen sich Seite für Seite in differenzierter Sprache erzählt die Fäden von einem, der sich nicht damit abfinden wollte, ein stinknormaler Durchschnittsbürger zu sein, dem Größeres vorschwebte und sich ein solches Leben dann einfach erfand, weil es anders nicht zu bekommen war.

 

In einem Umfeld, dass gerne mitspielte und es diesem Enric Marco nicht sonderlich schwermachte, Jahrzehnte „Held und Schurke und ein Schelm“ zugleich zu sein.

 

Bis dahin, dass der Leser sich am Ende fragt, wo denn der wirkliche Schaden ist, den dieser Mann anderen zugefügt hat. Außer dass er gezielt und klug genau das bediente, was scheinbar alle begehren und hören wollen und es mit Aufmerksamkeit vergelten.

 

Eine Geschichte, die einen anders und deutlich kritischer auf so viele andere „Lautmaler“ und „Marktschreier in eigener Sache“ der Gegenwart blicken lässt und eine überaus lohnenswerte Lektüre.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017