Ullstein 2013
Ullstein 2013

Jens Rosteck – Edith Piaf

 

Umfassende und empathische Biographie mit „Bonus“

 

Trotz der vielfachen Literatur über Edith Piaf, eine zusammenhängende, umfassende und Werk und Person in der Breite würdigende Biographie im deutschsprachigen Raum fehlte durchaus.

Eine Lücke, die Jens Rosteck nun in hervorragender Manier zu schließen versteht auf den knapp 410 Seiten seines neuen Werks.

 

Jene Sängerin Frankreichs, die sich weit über Frankreich hinaus in das kollektive Musikgedächtnis eingebrannt hat, von der Sascha Guitry zu Recht sagt: „Ihr Leben war dermaßen traurig.... Fast zu schön, um wahr zu sein“.

 

Von ganz unten nach ganz oben. Und wieder abwärts. Und wieder aufwärts. Auf der Suche nach der großen Liebe, für die sie sich immer wieder ganz und gar hingab (auch hier mit teils hartem Schicksal). Aber auch ebenso klar und stringent sich trennte von Freunden, von Männern, von langjährigen Weggefährten (wie ihrer kongenialen Komponistin und Texterin nach mehr als zwanzig Jahren).

 

Eine Künstlerin, der man vieles, fast alles verzieh, wenn sie sang. So in jenem fast berüchtigten Konzert, bei dem die Piaf mit vier Stunden Verspätung auftrat voller Zorn gegen das wütende Publikum, unter Pfeifen und Johlen die ersten Lieder dennoch sang und bei dem zum Schluss eine Intensität, eine Verbindung zwischen ihr und dem Publikum herrschte, die fast magisch zu nennen war.

 

„Und alles basiert auf der ewigen Opferbereitschaft ihrer Lippen, die vor Scherz vibrieren, wenn sie diese gewöhnlichen, banalen Worte formt. Ihrer Lippen, die im Angesicht Gottes den Schrei der ganzen Erde ausstoßen“.

 

Poetische, ergriffene Superlative, die so gut wie jeder, der die Piaf auf der  Bühne erlebte, von sich gab. Angesichts dieser so wankenden und im Extrem lebenden Frau aus den Arbeitervierteln Paris. Dem Alkohol zugewendet, notorisch unzuverlässig, eine unbequeme, zutiefst rebellische und doch poetische, entrückte Gestalt. Eine Frau auch, die durchaus aktiv ihr Image pflegte, die der eigenen Legendenbildung tatkräftig zur Seite stand. Und die ein maßloses Leben führte.

 

„Kleinwüchsig, eigensinnig, leidenschaftlich“, das war und ist der Mythos der Edith Piaf. Jenen Mythos, den Rosteck empathisch und intensiv vor die Augen des Lesers legt. Ihre Stimme, ihre Energie und ihr Bestreben, Legendenbildung zu betrieben sind dabei die Fäden, die Rosteck zugrunde legt, um die Person hinter der Legende, die Frau hinter der Stimme Schritt für Schritt kennen zu lernen. Von diesem ungeheuren Zufall auf den Champs Elysees, als Straßensängerinnen von einem Cabaret Betreiber entdeckt und, vom Fleck weg, unter Vertrag genommen und gefördert zu werden.

 

„Ihre Stimme hat mich im Innersten ergriffen, hat mich bei den Eingeweiden gepackt“. Als sänge die kleine Pariserin um „ihr Leben, um Leib und Seele“. Eine Frau, die, gerade zu Beginn, wankelmütig war, mit den alten Freunden vom Pigalle leicht und gerne „versumpfte“, die eigensinnig ihren Weg ging, dabei nicht und Freund und Feind kannte, die langjährige Begleitungen (und Lieben) einfach hinter sich ließ und es (zumeist), den Personen zudem noch überlassen hat, das selber zu realisieren. Schmerzen hatte sie erlitten, die kannte sie, und Schmerzen verursachte sie. Aber immer wieder, sobald der Vorhang sich öffnete, betrat sie eine andere Welt, mit und in der sie die Menschen bis zum Schluss im Innersten berührte.

 

Dieser ganze Lebensweg, die Brüche, die Lieben, das Maßlose, das Sensible, das Wissen um ein „gutes Lied“ und ihre ganz eigenen musikalischen Interpretationen, Jens Rosteck gelingt es in einem durchaus ebenfalls poetischen Stil Leben und Person der Piaf tief reichend im Buch darzustellen. Und zudem, als Zugabe gewissermaßen, sich einer ganze Reihe der wichtigsten Chansons interpretierend zu nähern (als je in sich abgeschlossene Einschübe im Buch).

 

Eine sprachlich hervorragende Lektüre, die sich ihrem Thema bestens informiert nähert und den „Mythos Piaf“ ebenso spüren lässt, wie die wahre Person hinter den Legenden.

 

M.Lehmann-Pape 2013