C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Johannes Willms – Mirabeau

 

Chancenloser Visionär der Revolution

 

Kaum einer der Revolutionäre der „ersten Stunde“ hat die französische Revolution überlegt. Doch anders als Robbespiere oder Danton erlag der „Vordenker“ der Revolution, der „Ideologe einer neuen Zeit“, Mirabeau, nicht der Guillotine, sondern starb schlicht und einfach an einer Art Entkräftung. Ein „Leerbrennen“ eines Körpers und Geistes, ein Ankämpfen gegen die destruktiven Wendungen der Revolution, ein Kampf durchaus auch um die Macht, doch um eines „höheren Zieles Willen“, wie Mirabeau wohl selber ausgesagt hätte.

 

Ein „Ausbrennen“, dass durch Jahre der Haft und ein ausschweifendes Leben vor der selbstgestellten „Lebensaufgabe“ bereits vorweg angelegt war.

 

„Unter den Revolutionären ist Mirabeau eine Ausnahme….von diesen unterschied er sich auch durch sein Denken und Wollen“.

 

Älter als die anderen und, vor allem, nicht aus der Emotion heraus angetrieben, sondern bereits im Vorfeld mit überlegtem Konzept, mit einer Idee und einer Vision versehen, wie Frankreich stabil einen Wechsel der Staatsform von der absoluten Monarchie hin zur konstitutionellen Monarchie vollziehen könnte, ungeachtet der Personen. Ein Konzept, dass den Tod Ludwig des XVI. eben nicht zwingend erfordert hätte und das die Zeiten des Chaos und der vielfachen Hinrichtungen ohne Konzept und Klarheit, die tatsächlich folgten, wohl verhindert hätte.

 

Hier aber kommt zum Tragen, wie Willms hervorragend auf den Punkt formuliert (und im Einzelnen nachzeichnet), was ansonsten eher gegenteilig in der Geschichte gilt:


„Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“.

 

Inmitten der wogenden Emotionen, der Intrigen, des Blutdurstes und der Rücksichtslosigkeit der anderen Revolutionäre, die sich schon im Vorfeld der Massenhinrichtungen und der gegenseitigen Vernichtung unter den Revolutionären andeutete, hatten die klaren, stringenten, zunächst aber eher mäßigend zu verstehenden Haltungen Mirabeaus einfach keine Chance.

 

Was dieser nicht hinnahm, wogegen sich Mirabeau mit jeder Faser seiner Person, bis zum letzten seiner Kraft und mit jedweder Strategie der Macht zur Wehr setzte.

 

Wobei Mirabeau hierbei genauso an den anderen Revolutionären, durchaus aber in starkem Maße auch am König selbst und dessen unerbittlichen Widerstandes gegen jede Form konstruktiver Veränderung scheiterte.

 

„Ich, als Bürger, zittere um die königliche Gewalt“. Darin drückt sich Mirabeaus feste Überzeugung, dass es nur in einem Miteinander von Reform, Revolution und Monarchie gehen kann, aus. Und, im doppelten Sinne des Satzes, bewahrheitete sich, dass er auch vor der königlichen Gewalt zu zittern gehabt hätte, denn zwischen „Misthaufen und Palast“ war, angesichts der handelnden Personen, kein Ausgleich zu „Lebzeiten Mirabeaus“ möglich.

 

Selbst auf dem „letzten Schlachtfeld“, 1791 in Bezug auf die Haltung des Klerus zum Staat, scheiterte Mirabeau trotz kluger Argumentation und eifriger Arbeit „hinter den Kulissen“ mit dem Versuch, die „Fronten zu versöhnen“. Daran änderte auch nichts, dass er am 18. Januar 1791 zum „Chef des Bataillons der Pariser Nationalgarde“ in einem Distrikt gewählt wurde. Was nun Mirabeau als Zeichen des Vertrauens zu seiner Mittlerposition wertete, hielten seine Mit-Jakobiner eher für ein „Karnevalskostüm“.

 

Willms bietet ein detailliertes Lebensbild Mirabeaus in chronologischem Ablauf, verweist auf die prägenden Strömungen der Zeit und Erfahrungen für den „Denker“ eines neuen Frankreichs, führt fundiert den zermürbenden Einsatz für die eigene Vision auf und zeigt ebenso minutiös des schrittweise Scheitern Mirabeaus.

 

Bis hin zur „Zerschlagung (seiner) Büste“ auf Geheiß Robbespierres, die wie eine sinnbildliche Hinrichtung am Ende des Buches geschildert wird.

 

 

Auch wenn der Tonfall durchgehend etwas trocken und zu sehr in Form eines Berichtes angelegt ist, ergibt das Werk eine interessante Lektüre zu Person, Zeit und die Irrungen und Wirrungen der Momente vor der Revolution und der dann jungen Revolution.

 

M.Lehmann-Pape 2017