Arche Verlag 2010
Arche Verlag 2010

John Bowe – Wo die Liebe bleibt

 

Tiefes Erleben

 

Was ist nicht schon alles ÜBER die Liebe gesagt, geschrieben, gedacht, gedichtet worden.

Zu recht übrigens, denn keine andere Emotion bewegt und prägt uns Menschen in auch nur annähernd gleich starker Form. Nicht zu Unrecht hat die gesamte Mystik in der hereinbrechenden Liebe die Gegenwart Gottes im Leben gesehen.

 

John Bowe spricht in seinem Buch allerdings nicht ÜBER die Liebe, sondern er lässt die Liebe selbst sprechen. In mannigfaltiger Form aus verschiedensten Perspektiven, ohne Bewertung oder abstrakten Überbau. Mithin, so man geneigt ist, der Mystik zu folgen, legt Bowe eine tiefgehende Sammlung von biographischen Berichten verschiedenster Menschen über die Gegenwart Gottes vor. Diese muss der Leser dann aber auch in harten Erlebnissen und fast zerstörenden Liebesgeschichten bereit sein, zu finden. Auch in glatter, harmonischer Form, natürlich, aber bei weitem nicht nur in solcher beschreiben die Menschen im Buch ihre intensiven Liebesgeschichten mitsamt oft der dazu gehörenden Trauerarbeit.

 

30 Interviews bildet sein Buch ab.  Menschen im Alter von 5 Jahren bis zum 80. Lebensjahr geben Einblick in die Sternstunden ihres Lebens, in die zerstörerische Kraft der Liebe und in die bodenlose Traurigkeit nach einem Liebensverlust. In vielerlei Konstellationen.

 

So wie Louise, die nach 29 Jahren perfekter Ehe durch den wiederaufflammenden Kontakt im Internet zu ihrer Jugendliebe alles hinter sich ließ und mit dieser Jugendliebe neu anfing. Liebe, Ehe, Verlust, Verlassen und Neubeginn, welch pralle, innere und äußere Geschichte.

 

Ebenso zur Liebe gehört die unsagbare Verzweiflung nach dem Tod des Mannes, die ungeschminkt im Buch sich wiederfindet. Oder die unschuldige sich annähernde Liebe der 5jährigen Kayla, die im tollen Spielzeug des Nachbarjungen ihren Urgrund und Anfang fand.

 

In ganz anderer Form, sensibel und sprachlich dennoch kraftvoll, schildert Xavier sein persönliches „Brokeback Mountain“, in dem er als heterosexueller Mann eine überrumpelnde Leidenschaft, aus der Liebe erwächst, zu einem anderen Mann erlebt.

 

Deftig und leidenschaftlich einerseits, merkwürdig und romantisch, nachvollziehbar oder befremdend ist die Vielfalt der Liebe in der Gegenwart an den verschiedenen Orten, in den verschiedenen Generationen und den hierzu passenden, verschiedenen Geschichten der Menschen im Buch.

Auch das Erlebnis einer langen Entwicklung aneinander findet seinen Platz bis dahin, dass „man Routine bekommt, weiß, was man machen muss. Es läuft total geschmeidig“. Auch bei solchen, die sich erst einmal den ein oder anderen Seitensprung verzeihen mussten.

 

Ausgehend von der Leitfrage jedes Interviews, von jenem Menschen zu erzählen, den man am meisten geliebt hat, entfaltet sich ein Blick auf das pralle Leben der Liebe in der Welt, die vielfältigen Formen, in denen die Liebe immer wieder allen Konventionen trotzt, sich nicht in Regeln zwängen lässt und durch ihre Kraft immer wieder das Leben verändert.

 

Gerade durch den Verzicht auf Bewertungen und Interpretationen erhalten die einzelnen Lebensberichte eine authentische Kraft, die weit über das konkret erzählte Erleben hinausreicht.

 

M.Lehmann-Pape 2010