Berlinverlag 2014
Berlinverlag 2014

John Classie – Der letzte Mann, der alles wusste

 

Unbegrenzte kreative Energie

 

Natürlich sind viele der thematisch breit gestreuten Ideen und wissenschaftlichen Untersuchungen (vom Magnetismus bis zu den Hieroglyphen, von der Beschreibung Chinas bis zur Erforschung des Vesuv) des Jesuiten-Paters Athanasius Kircher aus dem 17. Jahrhundert überholt, aus heutiger Sicht unsinnig „magisch“ und vielfach einfach auch in der Konkretion widerlegt (was den Magnetismus z.B. angeht, wie vieles andere auch).

 

Dennoch aber sind es zwei Dinge, die im Verlauf dieser Biographie staunen lassen.

 

Das eine ist die ungeheure Breite der Interessen und die damit einhergehende massive Produktivität des, zu seinen „Hoch-Zeiten“ hoch geachteten Paters (während gegen Ende seines Lebens sein Stern schon deutlich am Verlöschen war). Rund sieben Millionen lateinische Worte hat Kircher zu Papier gebracht in so gut wie allen Forschungsbereichen der damaligen Zeit.

 

Das andere aber ist, dass trotz vielfach abstrus wirkender „Forschungsergebnisse“ doch der Kern des Denkens Kirchers in so vielfältiger Weise auch modernes Denken mitangestoßen, mit befruchtet, vielleicht gar eher nebenbei zu durchbrechenden Ergebnissen geführt hat.

 

Das auf Kirchers „magischem“ Verständnis des Magnetismus über den „Umweg“ der Okkultistin Petrovna Blacatsky die Grundlage für die moderne „New-Age-Bewegung“ geschaffen wurde.

 

Dass der Arzt Mesmerdie „magnetische Medizin“ durchaus inspiriert durch Kircher entwickelte und damit, eher ungewollt, die moderne medizinische Heilhypnose mit auf den Weg brachte.

 

Wie überhaupt der Magnetismus eine der Grundkräfte der modernen Zivilisation ist und Kircher dieser Kraft zumindest ja grundsätzlich schon vor langer Zeit auf der Spur war.

 

Oder dass es Kirchers Werk „China illustrata“ war, besser gesagt die koptische Grammatik, die Kircher für dieses Werk am Rande mit entwickelte, die später tatsächlich dazu führte, die Hieroglyphen entziffern zu können.

 

Universal gebildet, universal interessiert, umtriebig an vielen Orten und Themen, hoch geachtet zu Zeiten, Berater von Päpsten, Königen und Fürsten, eine Art Leonardo da Vinci seiner Zeit hätte Kircher durchaus werden können, hätte er sich nicht doch so oft in seinen letztendlichen Schlüssen geirrt. Wobei so manches an seinen Denkwegen fruchtbar sich erweisen sollte, von der Medizin über die Völkerkunde, von der Sprachwissenschaft über den Magnetismus, von der Mechanik bis zum Mikroskop.

 

Wunderbar portraitiert Classie diesen umtriebigen Mann und lässt auch nicht aus, was zu dessen Charakter gehörte: Eine ausgeprägte Geltungssucht. Ein Ehrgeiz, der ihn zu Übertreibungen, zu sensationellen Behauptungen auch verleitet hat mit einer „gewissen Geschmeidigkeit, wenn es um die Wahrheit ging“.

 

Und doch ein (vergessenes) Leuchtbild vor allem n Neugier und rastlosem Fragen, an großer Energie, den Digen auf den Grund gehen zu wollen. Wie Classie treffend formuliert: „… ist es nur folgerichtig, dass seine wissenschaftliche Bedeutung verschwunden ist, sein Werk jedoch weiterhin die künstlerische Fantasie anregt“.

 

Wobei die Lektüre dieses sprachlich überzeugend verfassten Werkes ebenso die Fantasie anregt und zudem vielfache Fakten aus dem Leben Kirchers in sehr unterhaltsamer Form dem Leser präsentiert.

 

„Nach Kirchers Vorstellung sollte die Welt magisch sein und dennoch Sinn ergeben, und er glaubte an seine besonderen Fähigkeiten, diesen Sinn zu ergründen“.

 

 

Welche interessanten Ergebnisse diese Forschungen hervorbrachten und ein welch buntes Leben dabei zugleich von Kircher gelebt wurde, das lässt sich in dieser Biographie lebendig geschildert bestens nachvollziehen.

 

M.Lehmann-Pape 2014