Riemann 2012
Riemann 2012

John Perry – Einfach liegen lassen

 

Entlastung für „Aufschieber“

 

John Perry ist Dozent für Philosophie in Stanfort. Vor allem aber einer, der zum massiven „Aufschieben“ von Aufgaben neigt. Sei es die Beantwortung von Emails, seien es Literaturbestellungen für seine Studenten, sei es das Begutachten von Manuskripten oder alleine schon die eigenen Rechnungen, in seiner massiv „horizontalen“ Arbeitsweise an den Schreibtischen seiner Wahl liegt (und biegt sich und verschwindet) erstmal vieles. Aber eben das Wichtige nicht für immer, das ist entscheidend.

 

Und das ist gar nicht mal so schlimm. Wenn man es richtig anfängt (na ja, manchmal schon, aber auch hier hat Perry Tipps und Tricks noch parat).

 

Wobei Perry dem Leser nichts vormacht. Er erhebt die „Aufschieberitis“ nicht zum Ideal, er weiß um die Schwierigkeiten damit: „Der Hang, die Dinge liegen zu lassen, ist eine schlechte Eigenschaft, keine verkappte Tugend“. Aber eben „nicht die schlimmste Untugend der Welt“ und eine „Schwäche“, die man durchaus mit Humor und einigen Tipps mindern kann.

 

So erläutert Perry (wie im gesamten Buch voller sanfter Ironie und mit warmem Humor), dass man sich gerne mit den Dingen „unten auf der Liste“ als Aufschieber stundenlang beschäftigt.

Was man ausnutzen kann mit einer milden Form des „Selbstbetruges“, indem man einfach andere,  eigentlich  nicht wichtige Dinge, mit Überzeugung nach oben“ rückt, damit die wirklich wichtigen Dinge unwichtig erscheinen und vorrangig behandelt werden. Oder auch kreatives Warten zu lernen und erstmal zu schauen, was sich an den ungeheuer wichtigen und drängenden Aufgaben einfach von selbst erledigt.

 

Sicher, viele seiner eigenen Erfahrungen lassen sich nicht einfach übertragen, andere Berufe stehen unter ganz anderen terminlichen Zwängen, nicht jeder hätte die Nerven, erst dann zu reagieren, wenn alle Termine überschritten sind und der Druck voll im Raume steht. Andererseits ist es durchaus die Erfahrung auch im Leben, das eben nicht alles „so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird“. Ob allerdings „flotte Musik“ der inneren Lähmung erfolgreich Paroli bieten kann, darf man für die Allgemeinheit dann doch bezweifeln.

 

Vor allem aber gilt, selbst wenn man mit den Tipps Perrys wenig anzufangen weiß, eines ist das Buch auf jeden Fall: Entlastend. Genauso, wie es eben Frühaufsteher und Langschläfer gibt, gibt es Persönlichkeiten , die wenig organisiert und aufschiebend einfach sind. Sich dann so zu nehmen, wie es ist und das Beste daraus zu machen, dazu leitet Perry entlastend den Leser an. Und der darf sich darauf verlassen:

 

„Jeder schafft jede beliebige Menge Arbeit, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Arbeit, die von ihm erwartet wird“. Die Kunst der „Asortierung von Aufgaben“ hilft hier einfach ganz praktisch.

 

John Perry bietet nicht unbedingt Rat für jeden „Aufschieber“ in jeder Berufs- und Lebenslage, wohl aber Möglichkeiten, sich in seinem Rahmen ein wenig selbst „auszutricksen“ und gelassener mit dieser Charaktereigenart Umgang zu finden, die eines vor allem bewirkt: „Inneren Druck herausnehmen“.

Nicht unbedingt aus Terminvorgaben, sondern aus der Verzweiflung über sich selbst. Ein auf jeden Fall in Stil und Inhalt schön zu lesendes, kleines Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2012