Riemann 2013
Riemann 2013

Jorge Bergoglio, Abraham Skorka – Über Himmel und Erde

 

Dialoge über grundlegende Überzeugungen und Lebenshaltungen

 

Zu Zeiten, als die im buch abgedruckten Gespräche stattfanden, war Jorge Bergoglio, der heutige Papst Franziskus I., Bischof von Buenos Aires und Abraham Skorka, wie auch heute noch, Rabbiner. Eine glaubens- und religionsübergreifende Freundschaft somit, als erste Besonderheit. Und eine echte, tiefe Lebensfreundschaft, die sich in Gesprächen, im Austausch, in regelmäßigen Treffen niederschlug. Eine ganze Reihe dieser Gespräche, ein Austausch zu einer Vielfalt von Themen ist es, die ihren Niederschlag in diesem Buch gefunden haben, den die beiden Autoren und Glaubensmänner dem Leser quasi zur Verfügung stellen.

 

Und eine gute Wahl für all jene, denen der Hintergrund des aktuellen Papstes noch  nicht unbedingt geläufig ist.

Gott, Teufel, Atheisten, Frauen, Abtreibung, Scheidung, die homosexuelle Ehe, Globalisierung, Geld, Armut, in der fast gesamten breite aktueller gesellschaftlicher Fragen und globaler Entwicklungen, aus Sicht von zwei „Mitmenschen“ auf diesem Planenten  und aus theologischen Reflektionen heraus bilden sich so im Verlauf der Lektüre beim Leser doch klare Bilder, klare Möglichkeiten, beide Beteiligte in ihren Grundhaltungen einschätzen zu können. Themen, die in ihrer Breite und Vielfalt auch zeigen, dass zumindest in der Überlegung, im Gespräch, Papst Franziskus kein „Eisen“ scheut, weder ein heißes noch ein für „die Welt“ eher am Rande liegendes.

 

Kurze Kapitel sind es, keine elegischen Abhandlungen. Klare Sätze zudem, keine theologisch schwer verständlichen Abstraktionen. „Mitten aus dem Leben“ heraus, kann man sagen, aus dem Leben natürlich von theologisch verankerten und reflektierten Männern, die dennoch pragmatisch zu dneken verstehen.

 

So setzt Skorka beim Thema der homosexuellen Ehe genau jenen Pragmatismus zunächst voran. Das eine „gesetzliche“ Lösung gefunden werden muss für den Fakt der real lebenden Paare. Um gleich darauf den zweiten Impuls zu setzen, dass ein Stellen auf „eine Stufe“ mit heterosexuellen Ehen eine ganz andere Sache mit ganz anderen Voraussetzungen ist. Spannend wird es, wenn Bergoglio auch in dieser, katholisch heiklen, Frage betont, dass der geistliche Leiter der Gemeinde „kein Recht hat, das Privatleben von irgendwem in irgendeine Richtung zu zwingen“.

 

„Wenn Gott mit der Schöpfung das Risiko einging, uns frei zu schaffen, wer bin ich, mich einzumischen“? Eine zumindest gedanklich liberale Haltung, die aufhorchen lässt. Und eine anthropologische Argumentation gegen die „Heirat zwischen Personen gleichen Geschlechtes“, die zumindest ihrer „innerweltlichen Argumentation“ nachdenkenswert ist.

 

Auf ganz anderer Ebene verdeutlicht sich diese offene Haltung. In den kurzen Einlassungen zum Umgang mit anderen Glaubensrichtungen und Religionen betont Bergoglio die Notwendigkeit und Wichtigkeit des Gemeinsamen. „Jeder betet gemäß seiner Tradition, wo liegt das Problem“? Auch hier finden sich deutlich andere Töne als in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus der katholischen Kirche gewohnt.

 

Man muss selbstredend nicht in allen Facetten oder grundlegend Haltungen der gleichen Meinung sein wie Bergoglio oder Skorka. Beide sprechen erkennbar auf der Basis der Grundlagen ihrer jeweiligen Religion und halten an den Gründüberzeugungen und deren Umsetzungen in die Gesellschaft hinein fest.

 

Andererseits bietet dieses Buch in bester Weise einen breiten Einblick in die doch menschlich differenzierte und pragmatisch aus dem vorfindlichen Leben gespeisten Haltungen beider Männer und deren Folgen für ihr konkretes Zugehen auf die wichtigen Fragen der Moderne in gesellschaftlicher und religiöser Ausrichtung.

 

M.Lehmann-Pape 2013