C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Joschka Fischer, Fritz Stern – Gegen den Strom

 

Anregendes, teils intensives Gespräch

 

Auch wenn Joschka Fischer und Fritz Stern zwei verschiedenen Generationen vom Alter her angehören, beide eint einiges, wie sich in diesem Gesprächsband herausstellt.

 

Beide stehen „an der Seitenlinie“, beiden haben ein aktives, sich intensiv innerlich wie (zumindest bei Fischer) auch äußerlich „auseinandersetzendes“ Leben gelebt. Und beide sind in der Lage, ihre Gedanken präzise und treffend mitzuteilen.

 

So ist es, vorweg gesagt (und egal, wie man inhaltlich zu den Positionen und Personen steht) eine wahre Freude, diesem Gedankenaustausch, der vom kleinen, durchaus auch persönlichem ins große, politische, weltumspannende reicht, zu folgen.

 

Natürlich ist Europa ein Thema, natürlich wird deutlich, dass beide die vollständige Union und die Vergemeinschaftung der Schulden als Königsweg der europäischen Einigung sehen. Mehr noch, als einzig noch möglichen Weg, ohne das ganze Gebilde der europäischen Einheit zu zerstören. Interessant hierbei auch die leitenden Rollen in verschiedenen inneren Ausprägungen, die benannt werden. Dass „Frankreich politisch“ und „Deutschland fiskalisch“ über einen großen Schatten zu springen haben, es sonst aber nicht gelingen wird.

 

Trotz der drängenden Aktualität dieses Themas, die Gedanken schweifen weit in diesem Buch. Persönliche Erinnerungen, Prägungen durch Landschaft, Heimat und Aufwachsen teilen beide einander (und damit dem Leser) mit (Fischer hier mehr als Stern).

 

Den „modernen Menschen“ und, natürlich, hier vor allem den Politiker moderner Prägung, der weniger „brennt“, sondern von Beginn an quasi „inhaliert“, sich für eigene Interessen, den eigenen Weg erst einmal schlau und kompetent zu machen, der daher nicht ausgeprägt bereit ist, sich für eine Überzeugung auch quer zu stellen, sondern sich eben vor allem durch unverfängliche Worthülsen gestaltet.

 

Man nimmt es Fischer fast durchaus ab, dass diese grundlegende „Schelte“ ihm tatsächlich in dieser schriftlichen Form nicht leicht über die Lippen kommt, dass es ihm vor Zeiten ernst war damit, nicht in das Fahrwasser Helmut Schmidts und anderer zu verfallen, die nur noch leichte Verachtung für nachkommenden Politiker übrig hatten. Allerdings nimmt man dieses eben doch nur mit der kleinen Einschränkung für bare Münze, als dass man um das Selbstbewusstsein Joschka Fischers ja nicht erst seit gestern weiß.

 

Munter lassen beide die Zeiten Revue passieren und versäumen nicht, an gegebenem Ort in die Tiefe einzutauchen. Von den Geburtsjahren und der Heimat der Kindheit über Prägungen und berufliche Entscheidungen, von 68 zu rot gründ, über einen Kanzler mit klarer Kante (Schröder) bis zur Israelfrage und zur Zukunft des Westens angesichts geopolitischer Verschiebungen, klar, präzise und durchaus aus persönlicher Sicht Wenden sich beide wesentlichen und wichtigen politischen und Lebensthemen zu.

 

Im Gesamten ein gut zu lesendes Buch mit klar erkennbaren Haltungen und Meinungen und ebenso klaren Analysen zu den Fragen der Zeit. Auch wenn man der ein oder anderen Folgerung nicht zuzustimmen gedenkt, zur intellektuellen Auseinandersetzung du zur Reflektion aktueller Problematiken ist das Buch hervorragend geeignet.

 

M.Lehmann-Pape 2013