Heyne 2012
Heyne 2012

Jost Kaiser – Als Helmut Schmidt einmal......

 

55 kleinere Anekdoten und Kurzbeschreibungen

 

Ein wenig dick trägt die Werbung der Rückseite des Buches schon auf. „“55 Dinge, die sie garantiert noch nicht über Helmut Schmidt wussten“.

 

Zumindest, was die ein oder andere Anekdote angeht (stellvertretend sei hier Schmidts Empfehlung eines „Bet-Trainings“ an friedensbewegte Christen mitsamt einem Blick auf seine eigene Haltung zum Beten genannte) dürfte hier der ein oder andere Spruch Schmidts durchaus eine gewisse Bekanntheit bereits außerhalb dieses kleinen Bandes erfahren haben.

 

Überwiegend aber ist es Jost Kaiser tatsächlich gelungen, einen ganz anderen und  komprimierten Blick auf Helmut Schmidt, dessen schnoddrige Art und seine persönlichen Vorlieben und Aversionen zu öffnen. Das Schmidt Jimmy Carter für ein politisches und, vor allem in Wirtschaftsfragen, Leichtgewicht hielt und mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten einfach nicht konnte (und wollte), das ist sicherlich auch grundsätzlich bekannt, wird aber von Kaiser im Buch mit der ein oder anderen „Randnotiz“ (Verweigerung der „Air Force One“ u.a.) noch einmal verdeutlicht.

 

Wobei nicht nur in diesem Themenfeld, sondern ganz allgemein zu sagen ist, dass die einzelnen Anekdoten gar nicht so selten ein wenig zurücktreten hinter die frische, ironische und knackige Sprache von Jost Kaiser selbst. Sei es im „kanzlergefährdeten Fernsehkrieg“, sei es nicht nur einmal die süffisante Kommentierung des Verhältnisses Schmidts zu Carter („natürlich darf der Kanzler nicht sagen, was er von Carter hält, denn dann wäre die Antwort schnell gegeben: Nichts.“). Aber auch jene „Utopisten“, wie Erhard Eppler in den Augen Schmidts einer war oder die Anti-Atomkraft Bewegung, Kaiser versteht es durchaus, das resignativ-überhebliche innere „Seufzen“ Schmidts über jene „Nicht Rationalisten“ in den ausgewählten kleinen Geschichten oft und oft mitschwingen zu lassen.

 

Dass Schmidt sich im Rockabilly Umfeld aufhielt (zumindest, was seinen Stammfriseur anging) oder er sich eine „Karl-May-Schlacht“ in und um Bad Segeberg mit Franz-Josef Strauß lieferte, dies wiederum sind kleine, aber feine Anekdoten, die den Leser auf durchaus hintergründige Weise mit Helmut Schmidt noch einmal neu in Berührung bringen.

 

So gelingt, im Gesamten gesehen, Kaiser durchaus sein Anliegen, den „großen“ Helmut Schmidt im „Kleinen“ (nicht unbedingt immer) neu, durchaus aber anders als gewohnt zu würdigen. Das kleine Buch bietet eine nichtunbedingt notwendige, aber doch anregende Ergänzung zu den vielen „dicken“ Werken über Helmut Schmidt.

 

M.Lehmann-Pape 2012