Droemer 2010
Droemer 2010

Judith End – Sterben kommt nicht in Frage, Mama

 

Der Mut zum Kampf

 

Wenn man das Ende einer Liebe erlebt, dann braucht es Stärke. Wenn das Ende dieser Liebe am Ende eines langen und harten Weges durch eine Krankheit liegt, dann braucht es noch mehr Stärke aufgrund der seelischen Erschöpfung. Wie kann man nun dies noch angehen?

 

Judith Ends Buch handelt nur am Rande vom Verlust einer Partnerschaft und das in der Reflektion auch eher im hinteren Drittel des Buches, aber an ihrer Reaktion und ihren Gedanken dazu ist viel abzulesen von ihrer Persönlichkeit und Stärke, die ihr den schmerzlichen und harten Weg durch ihre Krankheit ermöglicht hat. Was also tun? Den heutigen Tag angehen mit den ganz alltäglichen Dingen, ohne vorher zu wissen, ob man ihn gut übersteht. Dankbar sein für das Blut, dass noch durch den Körper zirkuliert, das man lebt. Und auch am nächsten Tag aufstehen und hoffen, dass dieser Tag dann schon einen Hauch leichter wird als der erste. Und so fort.

 

Wenig anderes im Buch beschreibt die innere Haltung Judith Ends besser als diese, ihre Reaktion auf das Auseinanderdriften ihrer Partnerschaft.

Eine Frau, attraktiv, jung mit 25 Jahren noch, alleinerziehende Studentin und dann jene Diagnose, die völlig aus dem Alltag reißen kann: Brustkrebs. Zum Glück der heutigen Zeit im Blick auf diese schwere Erkrankung trägt lindernd bei, dass zum einen die Überlebenschancen deutlich höre sind als noch vor 20 Jahren und, vor allem, dass diese Krankheit nicht mehr toteschwiegen wird, sondern ein offener Umgang in den Raum tritt, der Menschen wie Judith End nicht noch zusätzlich auflastet, sich quasi verstecken zu müssen mit ihrem Schicksal.

 

Judith End selbst trägt, ähnlich wie Annette Rexrodt von Fircks vor einigen Jahren, durch ihr Buch nun zudem dazu bei, dass sich das Thema Burstkrebs noch deutlicher und klarer in das Bewusstsein setzen kann. In Form eines Tagebuches beschreibt sie mit klarer, nüchterner, dennoch oft erleichternd selbstironischer Sprache ihren Weg mit und durch die Krankheit von der Diagnose über die notwendige Amputation mit allen seelischen Tiefs und die Chemotherapie bis hin zur bitteren Erkenntnis, wohl keine weiteren Kinder mehr bekommen zu können. Das alles erlebt sie im System „Krankenhaus“, trotz manch empathischer Ärzte lässt sich nicht vermeiden, dass die Maschinerie einfach ans Rollen kommt, der auch Judith End über weite Strecken sich ausgeliefert fühlt.

 

Die größte Quelle ihrer Kraft ist, neben ihrer eigenen Unbeugsamkeit, ihre vierjährige Tochter. Diese verdeutlicht in absoluter Klarheit, das Sterben absolut nicht in Frage kommt. Dennoch aber hat der Wendepunkt des Buches und des Weges mit der Krankheit erst dann wirklich eine Chance, als Judith End diesen Gedanken an den absoluten Verlust zulässt. Die Seiten ihrer Auseinandersetzung mit dem Tod gehören zu den eindrucksvollsten des Buches und es stünde so manchem Gesunden auch gut an, sich der Brüchigkeit des Lebens ebenso bewusst zu werden, denn an diesem Punkt erst beginnt Judith End, das Wichtige vom Unwichtigen ihres Lebens zu trennen.

 

Judith End ist eine weitgehend sachliche Darstellung Ihres Weges gelungen, die gerade ob ihrer Nüchternheit genügend Distanz in den Raum setzt, diesen Krankheitsweg ein stückweit mitgehen und betrachten zu können, lässt aber notwendige innere Einsichten nicht vermissen und stößt so im Leser einiges an eigenen Gedankenprozessen an. Empfehlenswert trotz, natürlich, manch sprachlichen Leerlaufs.

 

M.Lehmann-Pape 2010