Hanser 2014
Hanser 2014

Julia Encke – Charisma und Politik

 

Charisma ist eine nötige Kraft

 

Im ursprünglichen Sinne waren mit „Charismen“ „gnädige Geistesgaben“, „Gnadengaben“ gemeint. Begabungen, die einen Menschen wie „zum Leuchten“ brachten und die gottgegeben vorlagen als „besondere, zu erkennende, Beauftragung“.

 

Im Lauf der Zeit ist der Begriff im konkreten Sinne nicht mehr wirklich zu fassen, er bezeichnet eine Form der „Aura der Hoffnung“, eine Person, die auf sich und in sich Erwartungen, Sehnsüchte und Hoffnungen vieler konzentriert und der man in irgendeiner kaum näher bestimmten Weise die Kraft für diese Hoffnung abnimmt.

 

Real allerdings ist dies durchaus.

 

Wer einmal ein Rolling Stones Konzert besucht hat und dabei im Vorfeld die ein oder andere Band  verloren auf der riesigen Bühne gesehen hat, um dann zu erleben, wie der schmale Körper Mick Jaggers fast im Alleingang diese gesamte Bühne „füllt“, der ahnt, dass gewisse Menschen über eine besondere  Ausstrahlung verfügen, die viele andere in den Bann zieht.

 

Wobei auch Diktatoren, Verführer, manipulative Menschen über ein gerütteltes Maß an Charisma verfügen können, das dann durch Image-Training gezielt ausgebaut werden kann.

 

So haben vielfach Menschen zunächst ein  Problem mit „charismatischen Persönlichkeiten“. Zu sehr eilt der Ruf voraus, hier von einem egozentrischen Verführer allein durch Charme übertölpelt zu werden. Andererseits ist wenig mehr überzeugender als eine charismatische Person in erkennbarer Leidenschaft für etwas, das „über sie hinausgeht“.

 

Eine Seite des Charisma ist diese „Kraft zur Verführung“.

 

Aber, durchaus, kann ja auch „zum Guten“ verführt werden. Können „Lichtgestalten“ große Gruppen von Menschen sehr konstruktiv auf Wege bringen. Vielfach setzen sich wichtige Impulse erst dann breit um, wenn glaubwürdige Persönlichkeiten als „corporate identity“ die aktuellen Hoffnungen der Menschen „in sich sammeln“ und zur Handlung anstoßen.

 

Geradezu eine „Sucht nach Charisma“ macht Julia Encke in diesem Sinne auch für die Gegenwart in Deutschland aus, beispielhaft fest gemacht am „Altkanzler der Nation“.

Dem fast das ganze Volk immer wieder an den Lippen hängt (auch wenn nicht alles immer treffend und belastbar von Helmut Schmidt argumentiert vorliegt).

 

Charisma ist wichtig, ist eine entscheidende Größe, um Menschen zu mobilisieren.

Willy Brandt hat auch deswegen Wahlen gewonnen, weil viele damals wählen gingen, die ohne sein Charisma eher zu Hause geblieben wären.

 

Wie sich aktuell  nun gerade bei Wahlen feststellen lässt, reicht der moderne technokratische und / oder intellektuelle Typ des Politikers in vielerlei Hinsicht nicht aus, um in Menschen innerlich zu erreichen und zu motivieren.

 

An konkreten, politischen Persönlichkeiten in konkreten Situationen  vollzieht Encke im Buch ihre Untersuchung des Charismas und zieht ihre Schlüsse der Notwendigkeit, gerade und dringend solcher Persönlichkeiten für die Politik zu bedürfen, dabei aber sehr gut differenzieren zu müssen (siehe Guttenberg).

 

Helmut Schmidt, Petra Kelly, Marina Weisband, Guttenberg, Joschka Fischer, Gerhard Schröder  und Obama hebt sie dabei u.a. hervor und dekliniert an diesen Personen das „Talent“, den „Verlust“, das „Missverständnis“ und, in Teilen, auch die „Technik des Charisma“ durch, das sich in ganz verschiedener, äußerer Weise zeigen und wirken kann, das aber immer mit einer teils auch hohen, persönlichen Risikobereitschaft einhergeht.

 

Wobei bei der Lektüre mehr und mehr deutlich wird, das Menschen nun einmal am ehesten und „liebsten“ anderen, überzeugenden Menschen folgen und nicht allein „logischen Überzeugungen“. Dass charismatische Menschen wichtige Träger von Hoffnungen und Zielen sind, aber dass man durchaus mit kritischem Abstand versuchen muss, den reinen „Verführern" nicht auf den Leim zu gehen.

 

Es ist keine einfache Sache, mit dem Charisma, aber es ist eine Realität und zudem eine notwendige Realität für größere Bewegungen der Gesellschaft.

 

 

Eine interessante, politische Lektüre, die den Zusammenhang zwischen (wünschenswerter) Leidenschaft für die Politik und daraus sich entfaltender charismatischer Wirkung aufzeigt. Die wiederum stark mit der Funktion und Rolle einhergeht (wie an Fischer aufgezeigt wird).

 

M.Lehmann-Pape 2014