C.Bertelsmann 2012
C.Bertelsmann 2012

Justus Bender, Jan Philipp Burgard – Glauben Sie noch an die Liebe?

 

Vielfache persönliche Haltungen zur Liebe

 

„Ich würde immer empfehlen, treu zu sein“, sagt die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. Und das wohl nicht nur in einem der Kapitel des Buches. Wobei sie durchaus keinen Widerspruch darin sieht, diese dem Menschen wohl ureigene Hoffnung, dass der Partner immer treu wäre, zunächst einmal zu „entzaubern“. „Es gibt wahrscheinlich keinen Menschen, der nicht untreu ist. Zumindest in der Fantasie“. Das „Ideal der reinen, aufrichtigen Liebe“ (und um die Liebe geht es den Autoren ja), das kann so einfach und platt in Bezug auf die auch innere körperliche Treue nicht verstanden werden. Meint Mitscherlich. Und das durchaus überzeugend im Buch. Vor allem, da gerade bei „Liebeskranken“ immer eher die Sehnsucht nach der engen, symbiotischen Verbindung zur Mutter vorrangig im Raume steht, nicht eine (erwachsene) Haltung zu einem anderen, erwachsenen Partner. Und dennoch kann es das geben, dauerhafte Liebe. Wofür aber die Grundlage nicht ein „juchzendes“ Gefühl ist, sondern ein verstehen der Partner untereinander. Nicht Untreue, sondern „Fremdheit“ zerstört die Beziehung und auch die Liebe.

 

Interessante Gedanken, welche die 94jährige im Gespräch mit den Autoren äußert. Nicht romantisch, aber durchaus lebensklug, kann man sagen. Und nur einen von 18 Stimmen, die in diesem Buch einen breit gespannten „Chor der Liebe“ darstellen. Gerade diese Breite ist es, die hoch interessanten Einblick gibt in die Vielzahl gegenwärtiger „Liebesformen“ und damit natürlich auch Lebensformen. Franz Müntefering und seine „Entscheidung für die Liebe und gegen die Macht“, leise, durchaus anrührende Töne des sonst eher rau wirkenden Politikers. Liebe als Hingabe bis zum Schluss. Und daneben er noch ältere Rolf Eden, von ganz anderem Schlag und Lebensentwurf. Wer hätte gedacht, dass hier die Liebe durchaus eine Rolle im Leben spielte und spielt, aber völlig losgelöst wird von dem, was anderen so wichtig erscheint, sexuelle Treue ist oder Sex gleich zu setzen mit Liebe, das sieht Eden ganz anders. Und wieder als Ggenpol Roger Willemsen, der den symbolischen Akt als wesentlich „dauerhafter“ kennzeichnet als den körperlichen Akt.

 

Immer die wesentlichen Fragen sind es, welchen die Autoren nachgehen mit ihren vielfachen Gesprächspartner im Buch. Was Liebe eigentlich ausmacht. Wie wesentliche sexuelle treue, überhaupt das Sexuelle für die Liebe ist. Welche Verbindungen zwischen Menschen tatsächlich mit dem Begriff „Liebe“ beschreibbar sind und wo der Begriff letztliche einfach auch falsch verstanden und nur „behauptet“, statt gelebt wird. Ohne zudringlich zu werden fragen die Autoren durchaus klar und direkt und erhalten tatsächlich ebenso klar und direkt wirkende Antworten. Von sehr unterschiedlichen Menschen, was das Alter und den Hintergrund angeht. Müntefering und die ehemalige Porno Darstellerin Michaela Schaffrath, Ursula von der Leyen als „Kopfmensch“ und Eckart Witzigmann als „Bauchmensch“, Claudia Roth und Sonya Kraus.

 

Das Buch liest sich flüssig und gut und schaut, trotz des vertraulich-konversativen Tonfalls durchaus auch „hinter die Fassaden“, allerdings zum Glück ohne sich im Tiefsinn festzufahren. Und auch ohne voyeuristisch Impulse kommt das Buch aus. Wer meint, von Michaela Schaffrath „handfeste“ Nachhilfe in Sachen Liebe zu erhalten, sollte dieses Buch doch eher nicht erwerben.

 

Ein Reigen interessanter, sehr verschiedener Ansätze und Haltungen zur „Liebe“ im unprätentiösen, direkten Gespräch dargestellt. Eine durchaus anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2012