Arche 2013
Arche 2013

Karl Marlantes – Was es heißt, in den Krieg zu ziehen

 

Ein persönlicher Nachtag zum Roman

 

Nach dem Erfolg seines Vietnam-Romans „Matterhorn“, in dem Marlantes seine persönlichen Erfahrungen zu Grunde legte, folgt nun durch Marlantes eine offene und persönliche Reflektion des damaligen Erlebens. Ein Erleben, an dem Marlantes schwer trägt, dass lange Zeit benötigte, um auch nur einigermaßen verarbeitet sein zu können und das erst jetzt, über 30 Jahre später, für Marlantes selbst „sprachfähig“ wird.

 

„Dieses Buch habe ich vor allem geschrieben, um mit meiner eigenen Kriegserfahrung ins Reine zu kommen“. Und das mit dem Ziel, diese Erfahrungen zu teilen, anderen Veteranen auch eine Sprache vielleicht mit an die Hand zu geben und unbefangenen Lesern den Krieg in all seiner auch „Personenzerstörenden“ Kraft unmissverständlich vor Augen zu führen.

 

„Die Gewalt des Krieges ist ein Angriff auf die Psyche, bringt Ethik und Moral durcheinander und stellt die Seele auf die Probe“.

 

Und das nicht nur aufgrund der Formen von „erlittener“ Gewalt, denen ein Soldat ausgesetzt ist, sondern vor allem auch aufgrund der Formen „ausgeübter“ Gewalt. Da nimmt Marlantes kein  Blatt vor den Mund und versteht es in seiner nüchternen und dennoch bildkräftigen Sprache den Leser mit an die Orte des damaligen Geschehens und seiner Folgen zu nehmen.

 

Folgen der Gewalt, auch das weiß Marlantes aus erster Hand, die dann im heimischen Umfeld, in den Dienstwegen, in der Ausbildung und der Gesellschaft kleingeredet bis ignoriert werden. Es geht somit für den ehemaligen US-Marine nicht um die Schilderung technischer Ausbildungen oder bester formaler Vorbereitungen, es geht um die Hinwendung zum inneren Erleben für Soldaten im Kampf und in der Zeit danach.

 

„Krieger handeln mit dem Tod sie nehmen anderen das Leben. Das ist eigentlich die Rolle Gottes“. Und da junge Menschen oft nicht die nötige Stabilität und Reife in sich tragen, kann dies dazu führen, dass Gewalt über das notwendige Maß hinausgeht, dass Soldaten ihrer innere Gewalt „freien Lauf“ lassen.

 

Nur eines der Themen, die Marlantes aufgreift und bei denen er versucht aufzuzeigen, dass eine intensive auch psychische Vorbereitung hier präventiv wirken können (so pervers der Gedanke auch zu sein scheint, Gewalt auf ein „notwendiges Maß“ zu reduzieren, besser als nichts, könnte man sagen. Für alle Beteiligten).

 

Ebenso eindrücklich stehen auch seine Gedanken zum „Heldentum“ im Raum, jener verklärt-romantischen Vorstellung von „Alpha-Männern““, die ihr „Rudel“ nicht im Stich lassen sondern „mutig vorweg schreiten“. Ideal und Idole.

Hier wendet Marlantes den Blick des Leser weg von den „unbewussten stürmenden“ jungen Soldaten hin zu dem, was man in seinem Verständnis auch (und vielleicht eher) als „Helden“ bezeichnen könnte. Männer mir Erfahrung und Verantwortung, die weitreichende Entscheidungen treffen, die ein Wissen darum besitzen, was sie „anrichten“ können. Viele genau solcher „Heldentaten“ finden dann kaum Beachtung oder werden sogar erregt kritisiert.

 

Und was ist danach, dann „zu Hause“, kommend aus einer Welt „jenseits von Gut und Böse“ in eine „normales“ Umfeld, das sich nicht groß verändert hat, aber der Soldat im Einsatz hat sich verändert.

 

Viele Aspekte nimmt Marlantes auf und es gelingt ihm, einerseits seine persönliche Beteiligung darzustellen, andererseits aber auch diese persönlichen Erfahrungen zu abstrahieren in allgemein und breiter gültige Reflektionen hinein.

 

Ein gutes und treffendes Buch, nicht nur zur Ergänzung von „Matterhorn“, sondern auch für sich stehend wichtig zu lesen. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre von einem, der dabei war, der seine Erfahrungen reflektiert hat, nicht daran zu Grunde ging und nu für das „Innere des Soldaten“ eine Menge zu sagen hat.

 

M.Lehmann-Pape 2013