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Kathleen Winter – Eisgesang

 

Selbstfindung in urtümlicher, rauer Natur

 

 

Durch das Polareis auf der „Nordwestpassage“ führt Kathleen Winter ihre Reise. Von Kanada nach Grönland. Auch heutzutage immer noch kein Zuckerschlecken, ein Eisbrecher sollte, muss es schon sein, dem man sich für diese Passage anvertraut.

 

Die Autorin Kathleen Winter bekam diese Chance durch eine Einladung geboten und besann sich nicht lange, bevor sie zusagte. Was für den Leser ein Glück ist, denn Winter versteht es zum einen sprachlich, den Leser zu fesseln und mit ihrem großen, differenzierten Sprachschatz viele Details der rauen Natur, des Eises, der unwegsamen Landmassen, der Begegnungen auf See vielfache Atmosphäre und Farben zu verleihen.

 

Wie sie andererseits auch die „Innenseite“ dieser Reise hervorragend in Worte zu fassen versteht. Denn nicht nur, dass diese urwüchsige Natur, die Vielfalt der Einöde, auf jeden Menschen Wirkung ausübt, gerade Kathleen Winter vollzog die Reise in einer Phase der inneren Suche und Findung und vermag so, die Korrespondenz zwischen äußerem Erleben und innerer Bewegung sehr griffig und emotional dicht zu schildern.

 

„Höhlen, Säulen, monumental und blau erleuchtet, mit einer Dunkelheit in den tiefen Spalten – so rätselhaft und imposant, dass ich stundenlang sprachlos blieb“.

Was hilft, denn nur, wer nicht redet, ist überhaupt in der Lage, nach innen zu hören. Was Winter unprätentiös und ebenfalls nicht zu ausufernd, sondern genau in der richtigen Art und Weise im Buch vollzieht. Ohne den Blick von den äußeren Erlebnissen zu wenden samt dem Unglück, dass die Reisegruppe ebenfalls zu bestehen haben wird.

 

„Am nächsten Tag versuchte der Kapitän noch einmal, das Schiff vom Felsen weg zu drücken“.

 

Aufgelaufen. Mitten in unwirtlicher Umgebung. Zum Stillstand gekommen, ohne das gewollt zu haben Wieder aber auch eine Chance, nach vielen Begegnungen mit Einheimischen in den paar kleinen Ortschaften entlang der Route, noch einmal innezuhalten und, kurz or Ende der Reise, sich und die Erlebnisse zu sammeln.

 

„Meine Zeit im Norden hat mir einen neuen Sinn geschenkt, einen Sinn wie das Sehen und Tasten…nur war das wahrnehmende Organ mein ganzes Ich, ein Ich, dass sich nun nicht mehr vom Land getrennt fühlt.

 

Ein sensibles Buch mit sehr persönlichen Momenten, das aber dennoch und zudem auch wie ein Art „Reiseführer“ von der Geschichte der Nordwestpassage erzählt und ebenso viel von der Gegenwart der Flora und Fauna und des menschlichen Lebens dort zu berichten weiß. In einer wunderbar zu lesenden, sehr geraden und präzisen Sprache.

 

 

Eine berührend zu lesende innere und äußere Reise.

 

M. Lehmann-Pape 2017