Piper 2012
Piper 2012

Klaus Scherer – Wahnsinn Amerika

 

Außeneindrücke aus erster Hand

 

Sehr treffend gelingt es dem ARD Korrespondenten in Washington, Klaus Scherer, die Widersprüchlichkeit, die Zerrissenheit Amerikas dieser Tage präzise, sprachgewandt, flüssig und unterhaltsam auf den punkt zu bringen.

 

Beginnend mit dem Wahlkampf zur letzten Präsidentenwahl dekliniert Scherer durchaus eine Form von innerem Niedergang (nicht nur der politischen Kultur Amerikas). Vor allem versteht er es durch seine vielen Erlebnisse und Beispiele, die Einengung Barack Obamas aufzuweisen. Und würdigt, fast im Vorbeigehen, durchaus die vielen Reformen, die Obama auf den Weg und, in weiten Teilen, auch durchgebracht hat. Leistungen, die in der vergifteten Atmosphäre eines immerwährenden Wahlkampfes fast nur am Rande noch bemerkt werden.

 

Ein Land, in dem für so manche Mitt Romney gar nicht konservativ genug ist, wo so mancher Sozialleistungen für „Teufelswerk“ hält („Für die Armen ist die Kirche zuständig“), wo in manchen, nicht unerheblichen Kreisen die Evolutionslehre schlichtweg geleugnet wird, Kinder lieber zu Hause unterrichtet werden, als sie solchen Gedankengut auszusetzen.

 

Eine Gesellschaft, die sich als „Gods own Country“ begreift, die sich wirtschaftlich ihrer Dienstleistungen rühmt. Wehe aber, man hat tatsächlich das Problem, sich mit (nur dem Namen nach) „Service-Hotlines“ auseinander zusetzen. Wo Stehlampen nur mit technischem Verständnis eingeschaltet werden können, wo Haushaltsgeräte vom Staubsauger bis zum Geschirrspüler sich höchstens auf dem Stand von vor 30 Jahren befinden.

 

Wie soll da einer Dinge richten, wenn der Richtungsstreit nie endet, Kompromisse gar nicht angestrebt werden und jeder Wirtschaftszweig Veränderungen scheut wie der Teufel das Weihwasser? Weil diese Mühe und Geld kosten könnten. Weil es vielleicht doch nur darum geht, den Kunden, den Bürger, das alles irgendwie für eine handvoll Dollar auszupressen. Und mittendrin Veteranen vieler Kriege alleingelassen ihren Platz wieder suchen?

 

„Kaufe jetzt, zahle nie“, eine um sich greifende Maxime, die nicht funktionieren kann, auch dies weis Scherer nachvollziehbar auf. Stellt aber auch das 2ganz normale“ Leben vor, die Kreativität, die Kraft durchaus an manchen Orten des riesigen Landes voller Gegensätze, wo vieles nicht, manches sehr gut und einiges Wichtige vielleicht doch noch funktionieren könnte. Und vor alle funktionieren sollte in naher Zukunft, um irgendeine Kurve doch noch nehmen zu können.

 

Natürlich liest es sich satirisch, wenn ein Kollege zum Besten gibt, dass er es über Jahre hin nicht hinbekommen hat, ein amtliches Kürzel geändert zu bekommen und daher grundlegend die gesamte Zeit über in Amerika als Frau geführt wurde. Zeichen einer gesunden Verwaltung ist dies allerdings nicht.

 

Interessant, kurzweilig, kenntnisreich, Scherer weiß, wovon er spricht, versteht es, sich bestens auszudrücken und ermöglicht dem Leser einen intensiven „Rundumblick“ auf den Alltag, das Land und, vor allem, die politische Lage im Amerika am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Zum draus lernen allemal geeignet auch in unseren Breitengraden, auch wenn wirklich Neues im Buch nicht zu finden ist.

 

M.Lehmann-Pape 2012