Ariston 2013
Ariston 2013

Leo Martin – Ich durchschaue Dich

 

Ein Brevier über „Menschen lesen“

 

Andere, gerade unbekannte Menschen, verunsichern zunächst im Kontakt, da man sie nicht wirklich einschätzen kann. Und selbst bei eng bekannten Menschen passiert es öfter, als einem lieb sein kann, dass diese überraschende Züge ihrer Persönlichkeit plötzlich an den Tag legen. Ebenso scheitert man oft daran, hier und da Einfluss nehmen zu können auf das Verhalten anderer. Und beides ist Thema dieses Buches.

 

„Menschenkenntnis“ zu besitzen ist an sich somit von Vorteil. Entgegen der oft in sich getragenen Überzeugung, man hätte eine solche schon, überzeugt das Lebens selbst aber ebenso oft davon,  dass hierfür ein echtes Lernen, eine Kompetenz zur objektiven Betrachtung nötig und hilfreich wäre.

 

Leo Martin war Agent eines deutschen Nachritendienstes. Für ihn war es notwendiges „Arbeitswerkzeug“, möglichst rasch, möglichst sicher und möglichst zutreffend andere Menschen „lesen“ zu können. Anders als vielfache Bücher über Persönlichkeiten oder über das Wissen um Körpersprache schreibt hier einer, der seine Menschenkenntnis „erlernt und trainiert“ hat. Eine Erfahrung, die man bei der Lektüre klar herauszulesen vermag.

 

Einer, dessen Job es war, möglichst schnell Fremde für sich einzunehmen, zur Mitarbeit zu bewegen, deren „Geheimnisse“ offen zu legen.

 

Seien es seine Einlassungen zur „Lügenerkennung“ oder auch zu „Eignungstests“, zu „Dealmaker oder Realmaker“ oder auch zur (sehr interessanten) „Analyse auf den ersten Blick“ („Sie müssen andere nicht gut kennen, um sie beurteilen zu können“!). Menschen „entlarven“ sich an der „Art, wie sie sich verhalten“ und lassen sich dann bestimmten „Grundtypen“ zuordnen.

 

Sicher, es sind alles keine unbedingt neuen Erkenntnisse und an anderer Stelle lang und breit auch nachzulesen. Der Vorteil dieses Buches aber ist unbestritten die Lebendigkeit der Erzählweise und die Praxisnähe der Geschichten. Was wie geht und wie es dann, vor allem, in der Praxis angewendet wurde und wird, anhand dieser Geschichten verankern sich die Grundlagen der „Analyse anderer“ fast „im Vorbeigehen“.

 

Sicher übertreibt Martin ein stückweit werbewirksam für bestimme Lesergruppen seinen Aufbau als „Agentenschulung mit Agenteneignungstest (samt Pseudo- „Zertifizierung“ fast am Ende)“, im Inhalt aber kann man ihm gut folgen und gerade in seiner eher lockeren, flapsigen Art so manches annehmen, was in ausgewiesenen Fachbüchern zum Thema allein schon sprachlich sperrig vorliegt. Das Menschen, je nachdem, wie sie angesprochen und wie sie „angeleitet“ werden dann auch in bestimmte, vorhersagbare  Reaktionsrichtungen ihren Weg nehmen, diese Grundlage aller „Manipulation“ (im wertfreien Sinne des Worte) vermittelt Martin prägnant und ebenfalls mit einem grundlegenden „Training“.

 

Flüssig zu lesen und mit informativen Inhalten, teils spannend im Erzählen aus dem Agenten-Leben bietet das Buch eine durchaus anregende Lektüre (auch wenn nicht alles mitreißt und der legere, „coole“ Tonfall hier und da übertrieben wird).

 

M.Lehmann-Pape 2013