Droemer 2011
Droemer 2011

 

Lilly Lindner – Splitterfasernackt

 

Der Schmerz im Inneren

 

Viel liest und hört man in den letzten Monaten, Jahren über die Problematik des Missbrauchs. Oft gefiltert durch die journalistische Arbeit und den entsprechenden Reportagestil.

 

Was das wirklich bedeutet, welche Folgen ein solcher Missbrauch für das seelische Erleben und das biographische Leben eines Menschen haben kann, das berührt in der Tiefe letztlich erst dann, wenn ein solches Erleben persönlich, direkt und ohne Abstraktionen in den Raum gestellt wird.

 

Lilly Lindner gibt Zeugnis ab. Von ihrem Leben. Ein Leben, dass im Alter von 6 Jahren ein Trauma erfuhr und von da an gebrochen verlief, trotz äußerlich attraktiver Fassade. Ein schwer zu ertragendes Buch, nicht literarisch verschnörkelt, nicht künstlich in der Sprache, nicht abmildernd, was die Härten dieses Lebens angeht und gerade darum ein aufwühlendes und mitnehmendes Buch.

 

„Am Tag, als ich zum ersten Mal gestorben bin, habe ich mit meinen drei Lieblingskuscheltieren „Sturmflut“ gespielt..... Ein paar Stunden später habe ich alle Tiere in meine Spielzeugkiste gestopft und den Deckel geschlossen, weil ich wusste, dass die Zeit vorbei ist“.

 

Und noch dringlicher folgt: „Es ist merkwürdig, zu sterben, ohne danach tot zu sein“.

 

Sechs Jahre alt ist Lilly, als der nette Nachbar sie vergewaltigt und zerbricht. Ein traumatisches Erlebnis mit weitereichenden Folgen.

Lilly schweigt, erzählt niemandem, was geschehen ist. Neigt zur Magersucht, zeigt Borderline-Symptome und lässt ihr Umfeld, ihre Eltern ohnmächtig, hilflos und überfordert zurück. Will nur weg. Und erlebt als Heranwachsende wieder eine Vergewaltigung. Wie gespalten lebt sie all die Jahre, gespalten zwischen ihrem Körper und ihrem Erleben. Eine Spaltung, die Lilly Lindner im Buch mit ihrer gradlinigen, vor allem die eigenen Emotionen präzise benennenden Sprache intensiv zu schildern versteht. Gerade diese Intensität ist es, die manches im Buch so schwer erträglich macht, so direkt im Raum steht, so schutzlos sich den Blicken des Lesers ausliefert.

 

Jahre der Prostitution folgen, Jahre der verzweifelten Suche nach dem eigenen, inneren Wesen und der Souveränität über das eigene Leben. Und immer schweigend über das, was wirklich passiert ist. Ein Schweigen, dass aus den Schilderungen der jungen Frau heraus sehr, sehr verständlich plötzlich wird. Auch dies gelingt Lilly Lindner, ihre Reaktionen auf die Missbräuche analytisch aufzuarbeiten und nachvollziehbar zu gestalten.

 

Ein autobiographisches Buch, dass in den Strudel der Emotionen mit hineinzieht und schonungslos die verletzte Seele offen legt. Nicht einfach zu ertragen aber tief berührend und überaus lohnenswert, zu lesen.

 

M.Lehmann-Pape 2011