Berlinverlag 2013
Berlinverlag 2013

Lisa Zeitz – Der Mann mit den Masken

 

Biographie und kunstgeschichtliche Betrachtung eines „Jahrhundertlebens“

 

Durchaus doppeldeutig zu verstehen ist der Titel des Buches.

Zum einen war Werner Muensterberger ein ausgewiesener Kunstkenner und Kunstsammler, der schon in frühen Jahren seine Affinität zum „dunklen Kontinent“ Afrika und im Besonderen zu urtümlichen Masken, Ausdruck des Heiligen, der Verbindung mit der Geisterwelt. Für Muensterberger selbst war eine der ersten Masken, die er erwarb gar eine Form der Verbindung zu seiner früh verstorbenen Mutter.

 

Auf der anderen Seite war Muensterberger, emotional betrachtet, ein „klassischer Intellektueller“, der nicht einfach inneren Zugang zu anderen Menschen fand und sich selbst eher im Wesen als distanziert darstellt. Eine Persönlichkeit, die bereits zu seinen Schulzeiten auf der Odenwaldschule dem Gründer und damaligen Leiter der Schule,  Paul Geheeb, Kopfzerbrechen bereitet und diesen ein Programm für Muensterberger entwickeln ließ, das diesen vor allem „in Kontakt“ bringen sollte. Zumindest mit dem Erfolg einer lebenslangen Verbundenheit Muensterbergers zum Ehepaar Geheeb, das allerdings fast noch ein Stück mehr Edith Geheeb galt (vielleicht auch als eine Art Mutterersatz).

 

Ein Lebensweg allerdings auch, der prall gefüllt ist mit Besonderheiten, mit wechselnden Wendungen. Als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Dortmund zunächst beheimatet, Odenwaldschule, Studium in Berlin der Ethnologie und Kunstgeschichte, Teil der Boheme der späten 20er und beginnenden 30er Jahre, noch geprägt von der Idee der Entwicklung des Menschen durch die Schönheit der Kunst (wie Stefan Zweig), Verehrer Rilkes, früh bereits aber dem Reiz des damals Exotischen, Urkräfitgen und Urtümlichen nachgehend. Zudem ein, ebenfalls von früh an, psychologisch interessierter (Muensterberger hat wohl Freud noch einmal kurz vor dessen Tod getroffen).

 

1913 geboren, 2011 gestorben, wahrlich ein Jahrhundertleben. Der Verfolgung ausgesetzt, mit Schwierigkeiten 1939, sein Studium in Basel überhaupt beenden zu können. In Holland jahrelang versteckt vor der Gestapo. Eckdaten und äußere Ereignisse, die am Kern seiner Interessen nichts zu ändern vermochten.

 

Ethnologie und Psychologie, Kunst und Seele, brachte er im späteren Leben nach dem Krieg fast einzigartig in seiner Person zusammen in seiner Arbeit als Psychoanalytiker und Professor für „Ethnopsychiatrie“ in New York.

 

Durchgehend mit einem erkennbaren Schwerpunkt auf „Masken“ in ihrer ursprünglichen Form und Verwendungsweise bei den Stämmen Afrikas, fortgeführt auch in Bezug auf die „Lebensmasken“, hinter denen manche Menschen ihre eigentliche Persönlichkeit verbergen. Ein Ansatz im Übrigen, der hoch modern klingt, denn in einer Welt, in der immer mehr der „Schein“ statt das „Sein“ das Leben bestimmt und vielfach Menschen der modernen Zivilisation sich operativ ihre „Lebensmasken“ erstellen, ist Muensterbergers Haltung und Arbeit sehr interessant zu lesen.

 

Wobei Lisa Zeitz doch mit meist ebenso intellektuellem Ansatz aufwartet und als Kunstgeschichtlerin zwar vieles erläutern und nahebringen kann, was mit der Kunstsammlung und der intellektuellen Arbeit Muensterbergers zu tun hat, auf diese Weise aber erkennbare Schwächen in der Darstellung der „inneren“ Persönlichkeit ihres Themas aufzeigt. Gerade im ersten Teil macht sich dies bemerkbar, wenn der Leser feststellt, dass die im Buch dargestellten Aussagen Paul und Edith Geheebs als einzige zunächst ein Licht auf die innere Entwicklung und Befindlichkeit Muensterbergers, auf seine eigentliche Person werfen und Zeitz hier erkennbar zu distanziert und von außen beschreibend verharrt.

Das innere  Verhältnis zum Vater, die Folgen des frühen Todes der Mutter werden z.B. zuwenig aufgegriffen, um dem Leser ein auch inneres Bild des jungen Mannes zu vermitteln. Die Peinlichkeit, offene Rechungen nicht zahlen zu können ist hier zu wenig und vermittelt eher ein indirektes, zu erschließendes inneres Bild der eigentlichen Persönlichkeit.

 

Alles in allem eine solide und kunstgeschichtlich hoch interessante Darstellung eines besonderen Lebens, dessen äußere Stationen und dessen Prägung und Verbundenheit künstlerischen Boheme detailliert dargestellt werden. Mit zu wenig empathischer Darstellung gerade im ersten Teil des Buches des inneren Wesens und der eigenen Persönlichkeit Muensterbergers.

 

M.Lehmann-Pape 2013