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Lothar Müller – Weiße Magie

 

Instrument der Kultur

 

Papier ist einer der „Grundstoffe“ der Kulturgeschichte. Papier durchdrang seit seiner Erfindung alle Bereiche des menschlichen Lebens, vom Briefpapier über Papiergeld, von „heiligen Schriften“ über einfache Unterhaltungsromane, von amtlichen Schreiben bis hin zu Archiven und Akten, von Depeschen, die ganze Kriege auslösten bis zu kurzen Notizen des Alltages.

 

Und auch wenn in der modernen Welt vielfach Kommunikationen und Archivierungen digitalisiert werden, immer noch ist Papier der Hauptträger menschlicher Ideen und Gedankengutes.

 

Wie so vieles, was die Welt bewegte, kam auch das Papier in „moderner“ Form und in seiner Kraft, den Alltag zu durchdringen, aus dem Orient. Anfang des 13. Jahrhunderts breitete sich der Gebrauch des Papier aus Arabien ausgehend in Europa aus. Der Zeitpunkt, mit dem auch Lothar Müller in seiner Schilderung beginnt, „Blätter aus Samarkand“.

 

Im Folgenden legt Müller sehr flüssig und informativ die Kulturgeschichte der Nutzung von Papier vor die Augen des Lesers. Wobei nicht nur, aber vor allem auch die „industrielle Papierrevolution“ im 19. Jahrhundert zur massenhaften Verbreitung von Papier und vor allem zum „Siegeszug der Zeitungen“ führte.

 

Wobei, auch dies interessant im Buch nachzulesen, ein „industrieller Aufschwung“ schon im Mittelalter in Form des „Aufschwungs der Papiermühlen“ vonstatten ging, und, wie sollte es anders sein, zunächst in Verwaltungs- und Aktenform breit in Nutzung trat.

 

Mit der Erfindung des Buchdrucks dann setzte sich Papier als universeller Informationsträger und Medium auch innerer Ausdruckswelten dann zunehmend in aller Breite durch. Wie wäre eine Reformation ohne die deutsche Bibel „für jedermann“ vorstellbar? Aufklärung, Humanismus, Berichte von „Weltentdeckungen“, Verbreitung von Ideen durch Plakate und Handzettel, die Liste des Kulturguts ist unerschöpflich.

 

„Nachdem die Druckerpresse erfunden wurde, verschmolz das Papier mit ihr“. Was allerdings, wie Müller ausführt, nur möglich war, indem inzwischen das Papier ökonomisch preiswert und dennoch in hoher Qualität vorlag (Lumpen spielten eine große Rolle).

 

Genauso spannend zu lesen ist der Siegeszug von Prosa, Essay und später dann Romane, gerade durch die Verknappung an Papier durch die französische Revolution (massiver Papierverbrauch) und die nachgerade fast „Flutung“ des Marktes nach Beruhigung der Lage, ebenso wieder „Siegeszug“ des Papiergeldes in Form von Wechseln, Bankbriefen, Geldnoten (auch hier war die französische Revolution seit 1789 einer der „Vorreiter“ durch den Druck sogenannter „Assignaten“, letztlich Schuldscheine der Regierung, zunächst gedeckt durch konfisziertes Kirchenvermögen. Es könnte aber auch sein, dass das „Papiergeld“ den Bankrott (nicht nur) dieses Staates nicht verhindert hat, sondern „die Form ist, in der er sich realisiert“.

 

 

Eine ganze Kulturgeschichte bildet das Buch ab, vielen Verzweigungen und Entwicklungslinien geht Müller, durchaus aber chronologisch aufgearbeitet, nach. Im Stil gut zu lesen bildet dieses Buch dennoch keine einfache Unterhaltungslektüre für nebenbei. Aufgrund der vielfachen Fakten, der fundierten Beschreibungen und der langen Epoche, die Müller beschreibt, bedarf es beim Leser durchaus der Konzentration und der Geduld. Beides lohnt im Blick auf die weltveränderte „weiße Magie“.

 

M.Lehmann-Pape 2014