Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Lothar Machtan – Prinz Max von Baden

 

Fundierte Biographie über einen schillernden Politiker

 

„Schon im Urteil seiner Zeitgenossen stellt der Reichskanzler Max von Baden, Thronerbe des Hauses Baden, eine umstrittene Erscheinung dar“.

 

Eine Reibung in und um die Person herum, eine Ansammlung „nervöser Eigenarten“, eine Einschätzung, die von „liberal“ bis „stockkonservativ“ reicht, vom „Totengräber der Monarchie in Deutschland“ oder als „Friedensstifter“ nach dem Desaster des ersten Weltkrieges. Das ihn körperlich und seelisch „im Elend“ zurückließ zunächst.

 

Nicht ganz einfach fassbar ist dieser Max von Baden also weder in seiner politischen Bewertung noch in seiner persönlichen Einordnung.

 

Machtan betrachtet diese Divergenzen mit einem Schwerpunkt auf diesem Bereich der „nervösen Person“ und führt vieles an dieser „Unausgeglichenheit“ auf die Homosexualität des Politikers zurück, die in seiner Zeit höchst diskret behandelt werden musste, die ihn einerseits erpressbar machte (in den oberen Kreisen war diese seine Neigung bekannt), die ihn andererseits in eine Lebensform zwängte, die ihm nicht lag und die ihn, zu guter letzt, aber auch zu einem hochwachen Beobachter und Betrachter des Geschehens machte.

 

Neben dieser persönlichen Betrachtung stellt Machtan eine sachliche Grundfrage in den Mittelpunkt seiner Darstellung.

„War der letzte Kanzler des Kaisers nun ein Mann des untergegangenen oder des aufgehenden Jahrhunderts – oder beides?“.

 

Wobei der Leser nach der Lektüre dieser Biographie durchaus differenziert sich wahrscheinlich dem „Beides“ dieser Grundfrage zuwenden würde, auf diesem Weg aber zudem eine schillernde Persönlichkeit (neu) entdeckt und eine „Zeitenwende“ in dieser Person des Max von Baden noch einmal miterlebt. Gesammelt in der weitgehend hoch konservativen Haltung und Prägung des letzten Reichskanzlers, der dennoch politisch die „Zukunft“ in den Blick nehmen musste (und mitbestimmte). Der diese später politische Haltung auch in seiner privaten Persönlichkeit zwischen konservativem Familienbild und eigener, sexueller Präferenz mit in sich trug. Der zunächst durchaus für wich warb, aber beim Kaiser nicht ernsthaft in Betracht gezogen wurden, dann aber als „politisch zweckdienlich“ als Kompromisskandidat bestimmt wurde. Nicht ohne umgehend den Versuch des Kaisers zu erleben, ihn „eng zu führen“. Und Max von Baden war „kein Mann der Widerworte“.

 

Ein „vitaler Drang nach einem selbstbestimmten Leben“ (die sich späterhin auch Bahn brach in der Gründung des Internats „Schloss Salem) in Kollision mit „den Anforderungen seiner hochadligen Welt“. Eine Reibung, die durchaus korrespondiert mit der starken sittlichen „Befreiung“ nach dem ersten Weltkrieg in den 20er Jahren und der „Feier der Moderne“ in jener Zeit, die das alltägliche Lebensgefühl mehr und mehr beeinflusste und veränderte.

 

So stellt diese Biographie mitsamt einiger gewichtiger Interpretationen Machtans ein schillerndes Lebensbild eines Mannes dar, der innerlich schwer an seiner sexuellen Neigung trug, einen hohen kompensatorischen Preis für sein „Funktionieren“ in der althergebrachten Tradition zahlte (mitsamt so „modernen“ Versuchen des Ausweges wie einer Paartherapie), der daneben aber auch die „Moderne“ mit gestaltete (und in sich trug, ohne diese jemals im eigenen Leben wirklich umsetzen zu können).

 

Eine Biographie, die trotz des  teils trockenen Stils doch  beredt von einer inneren wie äußeren Zeitenwende kündet, die das gesamte gesellschaftliche Gefüge einer jahrhundertealten Tradition in wenigen Jahren wie wegwischte.

 

Eine sehr empfehlenswerte biographische und historische Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2013