dtv 2013
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Mara Hvistendahl – das Verschwinden der Frauen

 

Zunehmendes Ungleichgewicht durch selektive Geburtenkontrolle

 

Ein sehr speziell wirkendes Thema ist es, dem sich Mara Hvistendahl zuwendet und das sie durchaus mit interessanten und nachdenkenswerten Informationen versieht. Ein Thema, dass bei näherer Beleuchtung von hohem, öffentlichen Interesse ist.

Und das in bestimmten Richtungen durchaus aus „erster Hand“ dargestellt wird, denn Mara Hvistendahl lebt seit langem in China und erlebt hautnah mit, was es heißt, in einer „Ein-Kind-Politik“ eine Bevölkerung zu sehen, die vornehmlich auf männliche Nachkommen dann setzt.

Nicht nur, dass das Gleichgewicht der Geschlechter mittlerweile, nicht nur in China, rasant auseinanderdriftet (allein in China leben 163 Millionen Frauen „zuwenig“), sondern auch der gesellschaftliche Stellenwert der Frau und das gesamte gesellschaftliche Gefüge geraten in eine massive, negative Schräglage. Mit Folgen, die Hvistendahl durchaus drastisch zu beschreiben versteht.

 

Die Leitfrage, der Hvistendahl nachgeht, beantwortet sie aus ihrer Sicht ausführlich.

„Welche Konsequenzen hat es, in eines der fundamentalsten Gleichgewichte der Evolution einzugreifen“.

Ihrer These, dass die Menschheit damit an all jenen Orten, an denen dem männlichen Geschlecht selektiv bevorzugt wird (China, Indien Afrika, aber auch in Osteuropa) sich starken, unabsehbaren Schaden zufügt, belegt sie mit einer Vielzahl von durchaus klugen Beobachtungen und Beispielen. Nicht nur im Blick auf die zunehmend „mathematische“ Schwierigkeit für Männer, Lebenspartnerinnen zu finden, sondern auch im weiteren Verlauf dieser „Schieflage“ im Blick auf Gewalt gegen Frauen (wie jüngst in Indien weltweit beobachtet), auf die Schwierigkeit für stabile gesellschaftliche Verhältnisse, auf den „Wert“ von Frauen in einer „männerbevorzugenden“ Lebensform und vieles mehr.

 

Ein Ungleichgewicht, und darüber ist die Autorin im Zuge ihrer Recherchen selber erstaunt, das sich nicht in vor allem nur „rückständigen“ Gesellschaften wiederfindet, sondern sich „bis in Elite-Instututionen der westlichen Welt“  zurückverfolgen lässt.

 

So liest sich dieses flüssig geschriebene Buch durchaus bedrohlich. Von getöteten weiblichen Säuglingen über Abtreibungen und gezielte in-vitro-Fertilistation reichen die angewandten, teils brutalen Methoden. Und dennoch, bei all den „negativen Vorzeichen“, gelingt es Hvistendahl, nicht im „Skandal“ oder im „Erschrecken“ stecken zu bleiben sondern, im Kern, ein Plädoyer zu halten für eine „Potentialität“ des Lebens.

 

Dies ist die eigentliche Botschaft des Buches. Dass das Leben, die Natur an sich auf Potentiale ausgerichtet ist, dass eine „natürliche Balance“ (eine gute) Grundlage des Lebens ist und dass da, wo Menschen steuernd eingreifen (und je massiver sie es tun), letztlich die eigenen Lebensgrundlagen zerstört und entzogen werden.

 

Nachvollziehbar und verständlich geschrieben, nah am „Leben entlang“ durch viele Beispiele und  gut recherchiert öffnet Hvistendahl dem Leser einen intensiven Blick auf ein „Randthema“ der öffentlichen Berichterstattung, dass droht, in baldiger Zukunft noch massivere negative Folgen mit sich zu bringen, als sie jetzt bereits im Raume stehen. Durchaus empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2013