S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Marie Jalowicz Simon – Untergetaucht

 

Überleben inmitten des Feindes

 

Berlin, 22. Juni  1942. Die Gestapo steht quasi schon „vor der Tür“, da geht der Kampf Maries ums nackte Überleben in seine gefährlichste Phase. Die damals 20ährige Jüdin taucht unter. Von nun an „illegal“. In Berlin, in der Hauptstadt des gnadenlosen Verfolgers und „Ausrotters“.

Ein halbes Jahrhundert später erzählt Simon ihre Geschichte in eigenen Worten.

 

„Was Felicitas mit ihm besprach, konnte ich nicht hören. Aber nachträglich wurde mir klar, dass sie mich für 15 Mark an ihn verkauft hatte“.

 

Wobei jener „Gummidirektor“, dem Felicitas eine wilde Geschichte auftischte, damit Marie bei ihm zunächst unterkommen konnte, ein fanatischer Nazi war. Vielleicht aber gar keine dumme Idee, zunächst „in der Höhle des Löwen“ sich zu verstecken. Denn dort würden die Häscher wohl nicht als allererstes nach ihr suchen.

 

Eine Strategie, die Simon nicht das letzte Mal anwenden wird, unter anderem wird sie versuchen, in einer Polizeikaserne Unterschlupf zu finden. Ein durchaus gewagter Versuch, der aber wieder einige Zeit an Ruhe bringen könnte, anders, als bei den Artisten, die an sich bereits unter kritischer Beobachtung standen.

 

Egal was und wie, Marie sucht ihren Weg, denn nur eines ist ihr im Kopf: „Ich muss es einfach nur überleben“. Und das wird sie, das ist dem Leser natürlich klar. Und sogar späterhin ihren Schulfreund wiedertreffen und diesen heiraten!

 

In ganz einfacher Sprache, in keiner Form literarisch bearbeitet, in den Worten, wie sie ihr kamen, weiß Marie Jalowicz Simon von diesen drei Jahren dicht und spannend zu erzählen.

 

Die Geschichte des ständigen Versteckens, des „sich Herauswindens“ aus engen Situationen, des immer wieder einen neuen Ort zum Untertauchen suchen, neue Wege angehen und überlegen, dem allem zu entkommen, ist es, die dem Buch seine eindrückliche Nachwirkung gibt.

 

„Ich hatte gelernt, mich an eine abnorme Situation anzupassen und darin zurechtzukommen. Aber immer wieder war ich außer mir vor innerem Aufbegehren und schrie stumm: „Freiheit““. Während sie bei Siemens als Zwangsarbeiterin arbeitet.

 

Aus erster Hand, unverfälscht, erhält der Leser einen Einblick nicht nur in ein ständiges Versteckspiel unter Einsatz des eigenen Lebens, sondern auch einen Eindruck der Atmosphäre einer ganzen Zeit inmitten des dritten Reiches. Mit dem Mut derer, die Marie halfen, mit der Sorge vor jenen, deren scharfen Augen kaum etwas entging, immer mit der Sorge des Verrats behaftet. Später oft im Bombenhagel auf Berlin, im Bunker, auf der Hut vor all den anderen, denen man nicht immer ausweichen konnte.

 

Eine Geschichte, die nur Dank des Sohnes Maries der Nachwelt nun erhalten bleibt, der seine Mutter zum Sprechen brachte und all die Worte auf Tonband aufnahm. Beeindruckend und intensiv zu lesen.

 

M.Lehmann-Pape 2014