Integral 2013
Integral 2013

Marika Kilius – Pirouetten des Lebens

 

Lebenserinnerungen an eine ganze „Wirtschaftswunderzeit“

 

Allein schon der kleine, aber feine Bildtteil in der Mitte des Buches, der auch an Franz Ningel, den ersten ernstzunehmenden Eispartner von Marika Kilius, erinnert führt, sicherlich vor allem Leser der älteren Generation, wieder zurück und mitten hinein in die 50er und beginnenden 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.

 

Wirtschaftswunder, brummende Erfolge und dazu jene Figuren, die das neue Selbstbewusstsein und die moderne, erfolgreiche Entwicklung der damaligen Bundesrepublik als corporate identity in sich trugen. Die Fußballer von 1954 ebenso, wie die „Eisprinzessin“ Marika Kilius mit ihrem kongenialen Partner Hans Jürgen Bäumler. Attraktiv, sportlich harmonierend, Träume verkörpernd, zentrale Objekte des medialen Interesses der damaligen Zeit. Ein „Ruhm“, der über Jahrzehnte, eigentlich bis in die Gegenwart hinein andauert.

 

Als mehrfache Europameisterin, Weltmeisterin, Olympiazweite, von den ganzen nationalen Titeln gar nicht erst zu reden.

 

Selbst die von beiden im „gereifteren“ Alter stetig mit „Nein“ beantwortete Frage, ob nicht doch über die sportliche Verbindung hinaus die Romantik knisterte, ist über Jahrzehnte hinweg noch aktuell geblieben. Ein Zeichen dafür, wie groß der Wunsch und die Sehnsucht der Öffentlichkeit nach „Traumpaaren“, „Heiler Welt“ und „verliebten Stars“ gerade damals im Raum standen.

 

Zum 70. Geburtstag legt Marika Kilius nun ihre, durchaus anregend zu lesende und nicht oberflächliche, Biographie vor. Über Höhen und Tiefen der Karriere, Rückschläge und Siege, über ein „schillerndes Leben“ in „schillernder Zeit“, über Training und Kindheit, sich durchbeißen und die „Ernte einfahren“, über die Liebe und das Leben.

 

Ein Rückblick, der erkennbar zeigt, das Marika Kilius mit sich im Reinen ist, private und sportliche Erfolge und Misserfolge anzunehmen verstanden hat und eine klare Zufriedenheit ausstrahlt. Wobei in Duktus und Tonfall kein „abgehobener“ Star hier schreibt und keine Arroganzen das flüssige Leserlebnis vordergründig trüben.

 

Ein Leben durchaus mit Brüchen im Übrigen, die Kilius nicht glättet oder höflich übergeht, aber auch nicht sensationsheischend ausschlachtet. Weder ihr (durchaus vorhandenes) privates Scheitern noch die ein oder andere „in den Sand gesetzte“ geschäftlich Tätigkeit sind für Kilius ein Grund, sich „drum herum zu winden“. Klar und deutlich benennt sie die wesentlichen Stationen ihres Lebens, die sie zu der Person gemacht haben, die sie nun mit siebzig Jahren ist (da ist ein Foto, das durchaus diskret „werbenden Charakter“ für ihre aktuelle geschäftliche Tätigkeit hat, zu verschmerzen).

 

Auch sprachlich liest sich das Buch gut und flüssig und vermag auch dem Leser, der diese damaligen Zeit nicht aus eigener Erfahrung kennt, ein lebhaftes Bild der Ereignisse und der Atmosphäre zu vermitteln.

 

Sich nicht unbedingt ein Buch, dass die Welt braucht, aber eine schöne Gelegenheit, sich zu erinnern und eine ganz besondere sportliche Karriere und ein tatsächlich gelebtes Leben vor den inneren Augen vorbeiziehen zu lassen.

 

M.Lehmann-Pape 2013