Piper 2017
Piper 2017

Mark Riebling – Die Spione des Papstes

 

Ein anderer Blick auf die „Gegenspionage“ im dritten Reich

 

Pius XII., der Papst zu Zeiten des dritten Reiches, schwieg. Und nicht. Blieb neutral. Und nicht. Sprach mit Hitler, 1943 noch auf dem Obersalzberg über die Deportation der Juden und sein (tatsächliches) Wissen um den zumindest zu ahnenden Genozid und handelte auch im Geheimen in Unterstützung der Attentatspläne auf Hitler durch den Kreis um von Stauffenberg.

 

So ergibt sich, von außen, ein zwiespältiges Bild dieses Papstes, der fast bis zum Ende hin einer sorgsamen und langen Überlegung treu bliebe, dass offener Widerspruch und Druck bei Hitler nur das Gegenteil des Erwünschten, der Erleichterung, des humanistischen Handelns, ausgelöst hätte.

 

Und aus gegenwärtiger Sicht ist klar, dass egal welches Verhalten das Oberhaupt der und seine katholische Kirche an den Tag gelegt hätte, es hätte an Hitlers Haltung kein Jota geändert. Im Gegenteil, von Beginn der Machtergreifung an war auch die katholische Kirche, waren dann im besetzten Polen eine Vielzahl katholischer Geistlicher „mit dran“.

 

So ist es vielleicht verständlicher, dieses offizielle eher „Schweigen“ des Oberhirten, gerade wenn man die verdeckten Handlungen mit in den Blick nimmt.

 

Wie nun ein Josef Müller, deutscher Anwalt in München mit vielfachen Beziehungen und strikt katholisch einem Heinrich Himmler offen widerstand, wie über diesen Josef Müller und über einige andere, herausragende Figuren, Spionage betrieben wurde, Material aus Deutschland in Mengen nach Rom floss, Admiral Canaris mit seiner „Abwehr“ eng mit Josef Müller verbunden war, wie dann auch der Kreis im von Stauffenberg und Bonhoeffer am Rande hinzutrat und, nach der Verhaftung Müllers mit einem anderen Gewährsmann „in die Bresche“ sprang, all das schildert Riebling in sehr flüssigem, erzählerischen Ton in seinem neuen Werk.

 

Und verweist auch auf die entscheidenden Fragen für den Vatikan, wem von den eigenen Gefolgsleuten, Bischöfen, Kardinälen, Priestern man eigentlich vertrauen durfte angesichts des Anschlusses nicht weniger Kirchenmänner an Hitler.

 

Dass dann eine der ersten Abhöranlagen der Welt im Vatikan installiert wurde, um Gespräche wortgetreu aufzuzeigen, dass ein damals einzigartiger Sendemast den Vatikan „schmückte“, all das führt tief hinein in die Welt der Geheimdienste auf allen Seiten, eben auch auf der des Vatikan.

 

Wie ein Albrecht von Kessel einerseits der „Erste Sekretär an der deutschen Botschaft am heiligen Stuhl“ war und andererseits die zentrale Figur nach dem Ausfallen Josef Müllers als „zentrale Sammelstelle für geheimdienstliche Nachrichten an den Vatikan“ wurde, das liest sich ebenfalls durchaus spannend.

 

Was sich durchaus aber dann auch vermischt mit bekannten Personen und Prozessen, in denen Riebling die Geschichte weitererzählt. Verhöre, Aburteilungen, Hinrichtungen, Moltke und Delp, die Freisler persönlich vorführte. Mit Schilderungen von Folter und vom Tod vieler der Mitwirkenden. So dass man am Ende der Lektüre wohl zu der Überzeugung kommen kann, dass alle zusammen letztlich zu lange gewartet hatten. Falls es überhaupt, und das bleibt fraglich, eine echte, gute Gelegenheit gegeben hätte, Hitler auszuschalten.

 

 

So entsteht ein anregendes Zeugnis von persönlichem Mut, diplomatischen Überlegungen und auch rauer Gewalt (wie in Flossenbürg), das einen nicht immer breit beachteten Bereich des Widerstandes gegen das dritte Reich im Rahmen der katholischen Kirche minutiös nachvollzieht.

 

M.Lehmann-Pape 2017