Berlinverlag 2014
Berlinverlag 2014

Mark Vonnegut – Eden Express

 

Dichtes Portrait einer Zeit, eines gesellschaftlichen Experiments und einer psychischen Krankheit aus erster Hand

 

„Das Problem war, dass, obwohl ich all die Dinge tat, die gute Hippies tun, sie stets mit einer besonderen Note versah …….. um der Hippie zu sein, der ich gerne gewesen wäre“.

 

Aber 1969 und in den darauffolgenden Jahren war Mark Vonnegut zumindest Hippie genug (und das nicht nur, weil er allen Dingen Namen gab. „Carcar“ für seinen Käfer „Dick“ für den Rennbootmotor, allem eben), einen Gedanken vieler der damaligen Zeit in die  Tat umzusetzen.

 

Aussteigen.

Selbstversorger werden.

Weg von all dem geschäftigen und effektiven Treiben  der anderen.

Weg vom Krieg, vom Amerika jener Tage, von einem fremdbestimmten Leben.

 

Mit seiner Freundin Virgine und bunt zusammengewürfelten anderen (die Vonnegut liebevoll im  Buch portraitiert) geht der Weg ans Ende des Highways 101 in British Columbia. Wo die Straße endet, werden Boote beladen, 18 Kilometer über Wasser gefahren und dann noch 2 Kilometer zu Fuß, dann tauchen die 30 Hektar Land auf, welche Vonnegut und seine Mitstreiter erworben haben.

 

Bildkräftig und flüssig erzählt Vonnegut seine Geschichte, die Hintergründe, legt das Denken der damaligen Zeit, der „Hippies“  unprätentiös vor die Augen des Lesers, bietet dem Leser die Begleitung eines  Experiments für ein ganz anderes Leben an mit all seinen Höhen und Tiefen (selbst den ständigen Dreck lässt er nicht aus).

Allein das ist schon des Lesens wert.

 

„Wir wussten wirklich nicht, dass Drogen schlecht für einen waren“.

„Schließlich waren die Zeiten aus den Fugen. Von den Erwachsenen war sinngemäß zu hören. Sie hätten keine Ahnung, was zu tun sei und es sei nun an uns“.

 

Aber all das hat Folgen für Vonnegut.

Vielleicht kleine, entscheidende Faktoren, dass eine Krankheit bei ihm ersichtlich wurde.

Allerdings, vielleicht geschah dies auch völlig unabhängig von den äußeren Faktoren durch eine rein genetische Disposition.

Dennoch aber entstehen ganz besondere Umstände, denn Vonnegut ist in einer mentalen Verfassung und an einem ganz besonderen, abgeschiedenen Ort. Beides macht es schwer, überhaupt zu erfassen und dann zu begreifen, was vor sich geht.

 

„Als ich dann anfing, Stimmen zu hören, war das bloß eine weitere Sache. Ich nahm an, dass alle Stimmen hörten. Ich erkundigte mich bei denen, die neben mir auf dem Sofa saßen: „Und was erzählen euch eure Stimmen so?“ Sie standen auf und gingen“.

 

Was zu vielfacher Situationskomik zunächst führt, lakonisch und sehr lebendig von Vonnegut im Buch erzählt, lässt doch Seite für Seite dem Leser das Lachen mehr und mehr vergehen.

 

Schizophrenie aus der Innensicht ist etwas, das man nicht alle Tage zu lesen bekommt und Mark Vonnegut ist in der Lage, mit einer gehörigen Portion Humor und innerer Distanz seinen Weg heraus aus der Gesellschaft, dann krankheitsbedingt „hinein und hinaus“ aus sich selbst ebenso plakativ zu beschreiben, wie er den Weg der Heilung und das „richtig hineinfinden“ hervorragend in Worte zu fassen versteht. Bis hin zu dem „Pendeln“ zwischen Krankenhaus („Klapse“) und Farm, das für eine Weile im Raum steht und die Reibung zwischen „System“, „Gesundheit“ und „Aussteigen“ zu beschreiben versteht.

 

„Hinein in sich selbst“ letztendlich wird der Weg sein, wohlgemerkt, denn nur um das reine Funktionieren in der Gesellschaft dann wieder geht es weder ihm noch ist dies Thema des Buches (Jahre später wurde Vonnegut Kinderarzt).

 

Sondern eine Balance herzustellen zwischen der inneren Haltung eines „so will ich nicht“ zu einem Experiment des Ausstiegs (das ihm letztlich nicht gut tat, trotz aller Euphorie zunächst), zwischen seiner zunehmenden inneren Spaltung und den eigentlich realen Dingen, die nicht zueinander passten zu jener Zeit (die merkwürdige Fremdheit in seiner Beziehung zu seiner Freundin Virgine und umgekehrt), all das ist faszinierend zu lesen. Wohlwissend, dass die Geschichte des Mark Vonnegut ein Happy End finden wird.

 

 

Eine sehr interessante und empfehlenswerte Lektüre über ein Leben, das äußerlich und innerlich so ganz anders über lange Jahre war, als der der breiten Norm entspricht und gerade deswegen viel für das „normale“ Leben an Reflexion bereit hält.

 

M.Lehmann-Pape 2014