Klett-Cotta 2010
Klett-Cotta 2010

Marlis Pörtner – Alte Bäume wachsen noch

 

Entwicklungsmöglichkeiten im Alter

 

Die selbst entschiedene Übergabe Ihres Hauses an ihren Sohn und ihre Schwiegertochter und die vorhergehenden ambivalenten Gefühle und Überlegenen waren der äußere Anlass für Marlis Pörtner, Ihre Gedanken zu Papier zu bringen.

Der innere rote Faden dieser äußeren Geschichte eines Umzuges und der Annahmen neuer Herausforderungen im Alter von über 75 Jahren sind ihre reflektierten Erfahrungen und ihre allgemeinen Schlüsse, die sie aus diesem Umbruch in der vorgerückten Lebensphase zieht. Als Psychotherapeutin und erfahrene Autorin ist es ihr dabei durchaus gegeben, ihre Erkenntnisse allgemeingültig und, vor allem, verständlich zu formulieren.

 

Herausgekommen ist ein äußerst feinfühliges und emotional dichtes Betrachten der notwendigen Abschiede (die besser aus eigener Entscheidung vollzogen werden, bevor sie einem aufgezwungen werden), der manches Mal schmerzlichen Einschränkungen, vor allem aber auch der Chancen, die sich zu neuen Entwicklungen auch im Alter noch ergeben, wenn man sie nutzt. Wie der Regisseur Peter Stein im Buch zu Worte kommt, gilt, für alles, woran man im Alter verlustig geht, ergibt sich wiederum etwas anderes, neues, an dem man wachsen und sich erfreuen kann.

 

Um diese Möglichkeiten aber überhaupt sehen und dann nutzen zu können, bedarf es nach Marlies Pörtner vor allem der Bereitschaft, sich auf die Veränderungen auch einzulassen. An Gewohnten starr festzuhalten, sich in Zwängen zu ergehen, nur weil es „immer so war“, dass zerstört die Möglichkeiten und die Freuden von neuen Entwicklungen im Alter. So ist es wie ein Gleichnis im Buch fast, dass der alte Apfelbaum zum gleichen Zeitpunkt fast abstirbt, als der Umzug der Autorin ansteht. Altes dahingeben können ist eine wichtige Eigenschaft für ein gelingendes Leben, auch und gerade im Alter.

 

Drei Dinge sind es dabei im Kern, die dazu verhelfen, eigentlich in jedem Lebensalter, eben aber auch in vorgerückten Lebensjahren, Neues anzunehmen. Achtsamkeit, Flexibilität und Versöhnlichkeit.

 

Achtsamkeit sich selbst gegenüber, zu merken und darauf zu vertrauen, was das eigene Innere einem als möglichem und gutem Weg weist. Einer Flexibilität äußerlich und innerlich im Leben Raum zu geben, sei es, dass man bereit ist, dem Körper auch zu anderen als bisher gewohnten Zeiten dass zu geben, was er möchte, sei es die innere Flexibilität, für sich selber neue Wege anzunehmen (sehr gut im Buch beschrieben anhand der Suche der Autorin nach einem neuen Yoga Kurs im Umfeld der neuen Heimat). Versöhnlichkeit fast als wichtigste der Eigenschaften für ein gelingendes Alter, die Möglichkeit, sich mit sich, seiner Vergangenheit, Verletzungen, alten Konflikten zu versöhnen, um nicht beständig am inneren Ballast schwer zu tragen.

 

Im Nachvollzug ihrer Geschichte ihres Umzuges in eine kleineres Dorf, dem Suchen und Einrichten einer neuen Wohnung, der Anpassung an ein neues Lebensumfeld gelingt es Marlis Pörtner in eindrucksvoller Weise, jene drei genannten Kerntugenden des Lebens an einer Vielzahl von erlebten Situationen konkret anzubinden, immer aber auch generalisierende Schlüsse aus ihre eigenen Erleben zu ziehen und diese im Schriftbild abgesetzt im Buch dem Leser nahe zu bringen.

Dabei spart sie auch Krisenmomente nicht aus. Nicht alles ist immer eitel Sonnenschein, aber auch die schwierigen Momente  betrachtet sie mit der Haltung der Chance.

 

Eine starke Frau macht Mut, das Leben zu jedem Lebensalter bis ins hohe Alter hinein noch anzunehmen und zu gestalten. Wunderbar und emotional anrührend geschrieben. Ein Buch nicht nur für das Alter, sondern für das Leben.

 

M.Lehmann-Pape 2011