DVA 2013
DVA 2013

Martin Doerry, Hauke Janssen (Hg.) – Die Spiegel Affäre

 

Ein Rückblick auf eine zentrale politische Presseaffäre

 

Durchaus kann man formulieren, dass die Spiegel Affäre 1962 eine der zentralen Belastungsproben für die Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Information (auch, wenn sie manchen unliebsam daherkommt) in der Bundesrepublik Deutschland war. Und zugleich eine gesellschaftliche Zäsur im Politikverständnis zwischen „patriarchalischer Elite“ (alter Prägung) und „transparentem Handeln“ (neuer Prägung) darstellte.

 

Das „Der Spiegel“ (nicht nur) damals ein Ärgernis in den Augen mancher, vor allem konservativer Politiker war, das war zum einen auch zum damaligen Zeitpunkt nicht neu (Augstein war für den ein oder anderen auch der Verantwortungsträger schon in Person ein „rotes Tuch“).

Und zum anderen war auch späterhin die Berichterstattung des Spiegels bis in höchste Kreise hinein (der ehemalige Bundeskanzler Kohl kolportierte zum einen, dass er dieses Blatt nicht läse und verweigerte zum anderen oft und oft bis zur Sturheit hin dem Spiegel Interviews) Grund zum Ärger.

 

Das aber ein gestandener Verteidigungsminister im Verbund mit Polizei und anderen politischen Beteiligten den Rechtstaat zu nutzen gedachten, um gegen den Spiegel vorzugehen, ihn gleichsam „mundtot“ zu machen, den Herausgeber Augstein festsetzen ließen und das Ganze, wie sich rasch herausstellte, aufgrund eines unbeweisbaren „Verdachtes“ und darin sich auch die gesamte Hysterie des „Kalten Krieges“ mit niederschlug (oder genutzt werden sollte gegen einen unliebsamen Journalismus, wie es vielleicht auch verstanden werde könnte), das war schon ein einsamer Höhepunkt in der Welt der Verbindung von Politik und Journalismus. Mit massiven Folgen bis hin zum Rücktritt des Verteidigungsministers Strauß.

 

Der vorliegende Band  bildet die Reflektion dieses Geschehens zum 50. Jahrestag 2012 ab, in dem Vorträge und Diskussionen der Veranstaltung zu eben jenem Jahrestag im Buch aufgenommen wurden. Ein Ereignis, dass zu Recht von Hans Ulrich Wehler als „Weckruf der Demokratie“ in seinem Vortrag bezeichnet wird.

 

Wobei das Buch sodann chronologisch die Abläufe betrachtet, vom „der Spiegel vor der Affäre“ (als auch Magazin zur „gesellschaftlichen Modernisierung“ und damit im Spannungsbereich „alter Strukturen“, die sich in Teilen und Personen nahtlos aus dem dritten Reich in die junge Republik „herübergerettet“ hatten und umgehend dort wieder „den Ton anschlugen“) über den Ablauf der Affäre selbst, den öffentlichen Protest der damaligen Zeit noch einmal in Erinnerung rufend und die Folgen der Affäre näher beleuchtend (bei denen man durchaus von einem „Erfolg der Modernisierung“ durch den Spiegel sprechen kann, wie Münkel in ihrem Vortrag zum „neuen Selbstverständnis der Medien“ ausführt).

 

Wobei die Folgen nicht bei der Rolle der Medien stehen blieben. Auch einer bestimmten Form des autoritären Politikstils „alter Schule“, der sich durch kritische Nachfragen und Zwang zur Transparenz mehr als nur gestört fühlte (und der durch einen Person wie Strauß personalisiert und symbolisiert im Raume stand), wurde nachhaltig in der Entwicklung nach der Affäre das „Wasser abgegraben“.

 

Die gut lesbare und differenzierte Reflektion des damaligen Geschehens auf den wichtigen Ebenen des „medienpolitischen Bebens“ wird im Buch abgerundet durch „Gespräche mit Zeitzeugen“. Hans-Dietrich Genscher, Horst Ehmke, Dieter Wild, David Schoenbaum kommen hier ebenso zu Wort wie, sehr spannend und intensiv auch „zwischen den Zeilen“ zu lesen, Monika Hohlmeier und Franziska Augstein, die Töchter der damaligen Hauptbeteiligten. Und natürlich hat auch Helmut Schmidt aus erster Hand seine Sicht interessant dargelegt.

Im Anhang findet sich ganz zum Schluss dann der gesamte Ablauf der Affäre auf der Basis der Aktenlage dargestellt.

 

Alles in allem eine sehr lesenswerte und informative „Nachbetrachtung“ der „Spiegel Affäre“, die gerade im Nachgang die Entwicklungslinien zu würdigen weiß und verständlich erläutert, warum durch diese Affäre ein so grundsätzlich zeitgeschichtliches und gesellschaftliches Veränderungspotential sich Bahn brach.

 

M.Lehmann-Pape 2013