Klett-Cotta 2010
Klett-Cotta 2010

Massimo Carlotto – Der Flüchtling

 

Unschuldig verurteilt

 

In Italien kennt jeder Erwachsene den Fall Carlotto. Doch über die Grenzen des Landes heraus ist Massimo Carlotto, wenn überhaupt, aus den letzten Jahren eher als Kriminalschriftsteller bekannt, denn als die Hauptperson eines Kernstückes der italienischen Justizgeschichte.

 

Sechs Jahre Gefängnis und fünf Jahre als Flüchtling, vornehmlich in Paris und Mexiko haben den, zu Beginn des Falles 19jährigen, jungen Mann geprägt.

Die Zeit der Flucht, aber auch die darauffolgenden Jahre im Gefängnis und mit Blick auf die 11 Prozesse, die über Carlotto einerseits hereinbrachen und die er andererseits zum Erweis seiner Unschuld je selber angestrebt hat, diese Geschichte erzählt Massimo Carlotto in seinem Buch. 1994 in Italien erschienen markiert das Buch das Ende der Zeit als Verurteilter. Allerdings nicht, weil offiziell seine Unschuld in einem der Prozesse festgestellt und ausgesprochen wurde, sondern aufgrund einer Veränderung im Rechtssystem selbst, die es endlich in den Raum stellt, dass aus Mangel an Beweisen freizulassen und nicht zu verurteilen ist. In Zuge seines Falles wurde  letztendlich das entsprechende Gesetzeswerk in Italien grundlegend verändert. Carlotto hat somit auch in der Wirkungsgeschichte seines Falles ganz handfest Gesetzesgeschichte geschrieben. Dies allerdings erwähnt er im Buch nur am Rande der Einleitung, sein eigentliches Thema ist seine Erinnerung an jene Jahre der Flucht und des Untertauchens im Exil.

 

Seine Odyssee durch die Gefängnisse und seine Flucht beginnt 1976 mit dem Mord an der Studentin Margherita Magello. Massimo Carlotto, ebenfalls Student und gerade 19 Jahre alt findet das Opfer und meldet den Mord der Polizei, die ihn umgehend festnimmt, anklagt und in einem Schauprozess zu 15 Jahren Gefängnis zu verurteilen gedenkt. Einem Prozess, der den linksradikalen Hintergrund Carlottos fest im Blick hat, keinen Unterschied zu seiner politischen Vereinigung und terroristischen Gruppen kennt. Kurz vor der Urteilsverkündung flieht Carlotto und taucht zunächst in Paris, später in Mexiko unter.

 

Immer, und das ist mit seine eigentliche Crux, wirkte er im Kontakt mit den Justizbehörden, kühl, unnahbar, distanziert. Eine innere Haltung, die seinem Schreibstil eng verwandt ist. Und empfindet doch zunehmend Verzweiflung über das, was über ihn hinein bricht. Nichts Abenteuerliches ist dann auch im Verlauf des Buches an seinem Leben im Untergrund erkennbar. Ein Kerker ohne Mauern, mehr aber auch nicht, ist das Leben als Flüchtling. Der häufige Wechsel der Identitäten, das ständige Leben in Angst vor jedem forschenden Blick im Cafe, nichts wirklich zu besitzen, was ein Gefühl von Heimat geben könnte, denn alles muss in eine Tasche packen und schnell verstaut sein. Der Verlust der inneren Heimat seiner Familie, mit der zunächst nur erschwert, in Mexiko dann gar kein Kontakt mehr möglich ist. Das alles gekrönt von den brutalen Erfahrungen in den diversen Gefängnissen lässt ein Bild vor dem Auge des Betrachters entstehen, das erschreckender kaum sein könnte. Die Solidarität unter den Flüchtlingen, in deren Gemeinschaft Carlotto von Beginn an eintaucht, mildert diesen erschreckenden Impetus des Buches in keiner Weise.

 

Mit kühler, präziser Sprache öffnet Carlotto den Blick auf einen Menschen, der äußerlich hart und kühl wirkt, der aber im Gegenzug alles in sich hineinfrisst und dies im wörtlichen Sinne des Wortes. Fresssüchtig und nikotinsüchtig in hohem Grad taumelt Carlotto mehr durch sein Exil, denn das er für sich selber Hoffnung zu finden vermag. Einen  Sprachstil zudem pflegt Carlotto, der lapidar und distanziert sich einprägt, der das Erschrecken gerade in einigen Szenen aus den Hafttagen intensiv in den Raum zu setzen vermag, Szenen, die an Brutalität kaum zu überbieten sind und gerade aufgrund der nüchternen Beschreibung unerträglich werden.

 

Ein flüssig und gut zu lesendes Buch, das einen über die Dauer des Lesens hinaus nicht loslässt im Blick auf das, was in modernen Zeiten von Seiten der Justiz und im Blick auf ein Leben im Untergrund immer noch möglich ist.

 

M.Lehmann-Pape 2010