Piper 2016
Piper 2016

Matthias Thöns – Patient ohne Verfügung

 

Erschreckend, wahr und aufrüttelnd für die eigene Vorsorge

 

Sehr, sehr beruhigend ist es, was Thöns im Werk (eher nebenbei, was das eigentliche Thema angeht) über sein ureigenes Arbeitsfeld, die Palliativmedizin zu berichten vermag.

Dass zumindest eine hohe Chance besteht, am Ende der eigenen Tage ein „sanftes Sterben“ finden zu können.

 

Wenn da nicht, und davon kündet Thöns Seite für Seite, unterteilt in die „großen medizinischen Felder“ angesichts der Todesursachen, die Gewinnmaximierung im Zuge einer „Übertherapie“ einen dicken Strich durch die Rechnung eines einigermaßen friedvollen Sterbens oft machen würde.

 

Bestrahlung bei Krebs. Und das bei „Franzi“ nicht nur ohne Aussichten auf irgendeinen Erfolg, sondern auch noch in einem entfernten Klinikum statt im Krankenhaus „um die Ecke“. Ein Vorgang, bei dem Thöns reine Bestechung unterstellt. Zum Wohle der Abrechnung der Klinik, aber zu Lasten der sterbenskranken Patientin.

 

„Fatale ökonomische Anreize führen zu einer qualvollen Fehlversorgung“.

 

Wobei der Fall von „Günther“, der als bereits Verstorbener noch einen Tag an der Lungenmaschine „hing“ (der für 800 € natürlich auch abgerechnet wurde) sicher die makabere und nicht alltägliche „Spitze des Eisbergs“ darstellt, dennoch aber an diesem Fall die Grundtendenz sehr gut von Thöns aufgezeigt wird.

 

Oder die lapidare Äußerung am Bett eines Sterbenden durch einen Oberarzt:“ Hätten wir ihn doch gestern an die Beatmungsmaschine gehängt, wie hätten den Fall viel besser abrechnen können“.

 

Wobei Thöns nicht nur plakative Fälle und Äußerungen schildert, sondern sehr wohl auch in der Lage ist (du dies tut), die Summen zu benennen, um die es geht und an denen gerade Kliniken überaus gut verdienen.

 

Seien es (in der Wissenschaft inzwischen breit kritisch betrachtete) Herzkatheter und Stents, seien es Bestrahlungen bei schon mit Metastasen versehenen Krebserkrankungen (die als kaum mehr heilbar gelten), sei es Chemotherapie bis zum (bitteren) Ende (samt „Tagessatz“, den Thöns beziffert). Sei es die „Alternativlosigkeit“, die reinweg oft durch behandelnde Ärzte behauptet wird, was konkrete Behandlungen angeht, und die so einfach nicht stimmt.

 

„Der letzte Atemzug ist kein Grund zum Sterben“, die Feststellung Deutschlands als „OP-Weltmeister“ und als Land mit den meisten Intensiv-Betten, die „Wiederbelebung“ auch todkranker, hoffnungsloser Patienten durch notärztliche Maßnahmen, vor allem aber das „Darüber hinweg gehen“ was der Patient ausdrückt, was die Anverwandten wollen. Selbst wenn das nicht der Regelfall sein sollte (den Eindruck erweckt Thöns), sondern natürlich auch hervorgehobene Fälle, die im Buch versammelt sind, die Tendenz, die Thöns ruhig, sachlich und fundiert aufzeigt, ist nichts Anderes als massiv erschreckend.

 

Zwar ist bekannt, dass die letzten Lebensjahre aus Sicht der Krankenkassen die „teuersten Versicherungsjahre“ des Menschen darstellen, dass diese aber noch „ausgepresst werden“ bis auf den letzten Tropfen Blut und den letzten Euro, das braucht schon starke Nerven bei der Lektüre dieses Buches.

 

Aber dennoch ist die Lektüre wichtig, um für sich selber klare Bestimmungen zu verankern, klare Vereinbarungen zu treffen und die Alternative einer palliativen Versorgung im Kopf zu behalten (und zu nutzen).

 

 

„Mit diesem Buch möchte ich einen Beitrag leisten, unsern Blick wieder stärker auf den kranken Menschen zu richten“. Gegen die Paradoxien eines Gesundheitswesens, dass im Zuge von Abrechnungen, Leistungen und moderner Apparatemedizin gerade dieses Eigentliche aus dem Blick verliert.

 

M.Lehmann-Pape 2016