Knaus 2010
Knaus 2010

 

Melanie G. Mazzucco – Tintorettos Engel

 

Überschäumendes Leben

 

Jacobo Tintoretto, geboren als Jacobo Robusti (1518 bis 1594), Schüler Tizians, war zu seinen Zeiten einer der bekanntesten und geschätzten Maler Italiens. Ebenso der Begründer einer Malerfamilie, denn sowohl seine Tochter Marietta (La Tintoretta), als auch sein Sohn Domenico Tintoretto traten späterhin durchaus mit Erfolg in seine Fußstapfen.

 

Merkmal seiner Malkunst war unter anderem, dass seine oft überladenen Bilder immer eine Reihe von Elementen enthielt, die mit dem eigentlichen Thema des Bildes, dem jeweils roten Faden, nichts zu tun hatten sondern allein aus der Lust am Schaffen ihren Weg auf das Bild fanden. Ein Stil, für den Tintoretto zu seiner Zeit mit prägend zeichnete.

 

Und ein Malstil, der durchaus einiges zu tun hat mit der Konzeption und Form des Buches, denn auch Melanie G. Mazzucco folgt in Teilen, auf der Basis fundiert recherchierter historischer Details, dieser assoziativen Gestaltungsweise. Auch im Buch finden sich eine Vielzahl von Nebenlinien, Einwürfen, kleinen Geschichten, die mit dem eigentlichen roten Faden, der engeren Geschichte des Malers Tintoretto mit seiner Tochter Marietta, wenig bis nichts zu tun haben. Geschickt fügt Mazzucco diese Art des assoziativen Schreibens in ihre Gesamtkonzeption mit ein. Bei ihr ist Tintoretto am Ende seines Lebens angelangt, oft durchaus bereits Fieber delirierend, so dass die Fantasie des kranken Malers im Buch sich, wie in seinen Bildern, mehr und mehr völlig freie Bahn sucht.

 

Durchaus spannend zu sehen und zu lesen ist diese Korrespondenz zwischen historischer Figur, malerischer Form Tintorettos und dem Stil des Buches. In ähnlicher Weise, wie man sich den Werken Tintorettos mit offenen Sinnen und der Bereitschaft zur freien Assoziation nähern muss. In gleicher Weise stellt auch das Buch seine künstlerische Form in den Raum und trifft somit punktgenau in dieser Form die Art des Malens Tintorettos. Manches Mal durchaus anstrengend beim Lesen, immer aber nah an der Intention der Hauptfigur.

 

Ihren Protagonisten begleitet die Autorin in den letzten 15, fiebernden, Tagen seines Lebens, in denen der Meister sein Leben in Venedig in der Ich-Form Revue passieren lässt, seine malerischen Vorstellungen, die Lust an der freien Gestaltung, der farbenfrohen, detailreichen, überbordenden Darstellung. Und in denen Tintoretto auch seine Geschichte mit der ihm innerlich nahe stehenden, unehelichen Tochter Revue passieren lässt. Seine vielen anderen Kindern werden zwar ebenfalls erwähnt, bei weitem aber nicht in dem Maße, wie sein Augenstern, seine Lieblingstochter. Marietta, die den unbändigen Drang nach Farbe und Rausch mit ihrem Vater teilt und die er in seine Lehre nimmt. Auf dem Weg dieser Erinnerungen taucht der Leser mit ein in das Schaffen Tintorettos. seine Bilder werden allerdings nur mager und in kleinen Teilen erläutert, intensiv aber das Zustandekommen, die Maltechnik, zudem findet das Leben im Venedig jener Zeit expressiven Ausdruck im Buch.

 

Am Ende des Buches ergibt sich ein pralles Bild eines überschäumend, leidenschaftlichen Malers, der immer seinen ganz eigenen Weg suchte und mit seinen besten Werken darin maßgebend für seine Zeit wurde und das Lebensbild eines ebenso leidenschaftlichen Lehrers, der voller Inbrunst den Weg seiner Tochter ebnet und begleitet, der aber anderseits diese Tochter immer wieder versucht, aufs Engste an sich zu binden und nicht an das Leben der Freiheit, die er selbst so hoch schätzt, freizugeben.

In der Form gewöhnungsbedürftig, assoziativ, hin und her springend zwischen den vielen Personen, Kindern, Lebensabschnitten, in der Sprache aber bildreich und ebenso prall geschrieben, wie Tintoretto malte.

 

M.Lehmann-Pape 2010