C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Michael Jürgs – Sklavenmarkt Europa

 

Aufrührend

 

„Versklavung von Besiegten war selbstverständlich für die Siegreichen“.

 

Und folgt man Michael Jürgs in seiner fundierten Recherche zum Thema  der „Ware Mensch“ in Europa und ebenso seiner überzeugenden Argumentation, dann ist dieser erste Satz eine Art fast „Festgelegtes in der Evolution“.

 

Und so groß ist der Unterschied zu den damaligen Gepflogenheiten nach siegreichen (G)Feldzügen gar nicht. Nur, dass die Ergebnisse damals offenkundig und ohne Scham vor aller Welt gezeigt wurden (in Rom wurden die Sklaven im Rahmen der Triumphzüge dem gesamten Volk gezeigt).

 

Auch heute gibt es eben die „Siegreichen“ (die sich außerhalb der Legalität einfach andere „bedienen“) und die „Verlierer“ dann als „Sklaven des (Schwarz)Marktes“.

 

Der Mensch ist in mancherlei bitterer Hinsicht dann nichts anderes mehr als eine Ware, an der möglichst viel Geld verdient werden soll. Zu möglichst niedrigen Löhnen (falls das überhaupt als „Löhne“ zu bezeichnen ist) verschachert gegen einen möglichst hohen Preis und in den Strukturen existenziell abhängig gehalten von den „Herren“.

 

Zwangsprostitution, Arbeiterkolonnen, zum Betteln gezwungene Menschen, die durch Gewalt, Erpressung oder auch gleich beides wie im Gefängnis „gehalten“ und benutzt werden.

 

Wobei dann natürlich gilt: „Investitionskosten beim Erwerb der Frauen, Mädchen, Männer, Kinder in deren Heimatländern sind „Peanuts“ ……. die Risiken wegen stetiger Nachfrage in Europa gering“.

 

„Sexuelle Ausbeutung ist also ein sicherer Arbeitsmarkt“. Den man, auch wenn es ethisch kaum statthaft ist, mit der Sprache „eines Finanzanalysten“ durchaus zutreffend charakterisiert.

 

Jürgs redet sich hier nicht mit Phantasien in Rage, zu keiner Zeit hat der Leser während der Lektüre den Eindruck, dass hier einer um des Effektes willen übertriebt, Gruselgeschichten aufbauscht. Im Gegenteil, sehr nüchtern verweist Jürgs auf eine Vielzahl von Beispielen im Buch, verankert seine Erkenntnisse immer wieder an der nackten Realität (nicht nur im übertragenen Sinne zu verstehen) und legt eine Form des Elends offen, die den Leser kaum mehr in Ruhe lässt.

 

Vor allem, so ehrlich und klar ist Jürgs, weil er zwar die ein oder andere Strategie gegen dieses unmenschliche „Halten von Menschen“ benennt, aber doch das Fazit im Raum steht, dass kaum etwas wirklich gravierendes und wirksames gegen dieses moderne Sklavenhaltung wirklich ins Feld geführt werden kann.

 

Da, wo die einen Länder Schlupflöcher schießen, Zwangsarbeiter enttarnen, Dumping Löhne verfolgen, werden einfach neue „Märkte“ an anderen Orten erschlossen. Sex, Bauhilfen, billigste Helfer beim Schlachten werden überall gefragt, gesucht und im Sinne des Profites dann „ausgesaugt“. Wenn eben nicht mehr in Spanien, dann in der Türkei. Wenn nicht mehr in Deutschland, dann eben in Skandinavien oder der Schweiz.

 

 

Trotz der Hilflosigkeit, die am Ende fühlbar im Raum verbleibt, ist dies ein fundiertes, wichtiges und lange nachgehendes Buch, das nach Veränderung der Lage und Kampf gegen die Armut mehr schreit als bedächtige Diskussionen hervorrufen will.

 

M.Lehmann-Pape 2014